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Ist es wichtig, ob die Evangelien historisch zu verstehen sind?

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1. Das Unterscheiden zwischen historisch und gleichnishaft gemeinten Wunderberichten des NTs ist schwierig
2. Ermutigung durch den Hinweis auf wirkliche Beispiele fällt weg
3. Die Darlegung des Evangeliums ist erschwert, wenn sich in Verbindung mit Jesus nur wenig Historisches anführen lässt
4. Entscheidung für Jesus-Nachfolge gleicht einem blinden Sprung
5. Christsein spielt sich nur auf der Gedanken-Ebene ab, wenn die Evangelien bloß den Glauben an Mögliches (aber kaum wirklich Geschehenes) bezeugen
6. Die Botschaft Jesu verschiebt sich aufgrund vieler ihm abgesprochener Aussagen
7. Unser Wirklichkeits- und Wahrheitsverständnis verändert sich durch das entsprechende Vorbild der Evangelisten
8. Wenn Jesus sich selbst nicht als Messias erkannt hatte, ändert sich unser Bild von Jesus

Die Bedeutung der Frage nach der Historizität der Evangelienberichte wird mitunter als nebensächlich hingestellt, mit folgender Behauptung: Was Jesus (historisch) tat, sei weniger wichtig, verglichen mit dem, was er (aktuell) tut. Dass die historische Frage aber sehr wichtig ist, zeigte Franz Graf-Stuhlhofer in einem Beitrag im Jahrbuch für evangelikale Theologie 7 (1993) 29-32. Darin beschrieb er 8 Folgen einer skeptischen Betrachtungsweise. Es folgt hier eine von ihm sprachlich überarbeitete Fassung jenes Beitrages:

Welche Folgen hat die Skepsis gegenüber den Berichten über Jesus?

Können wir uns auf die Historizität der Evangelienberichte verlassen? Die Bedeutung dieser Frage wird mitunter heruntergespielt, mit Begründungen von folgender Art:
“Ob Jesus damals einen bestimmten Blinden wirklich geheilt hat oder nicht, spielt doch für unseren Glauben keine Rolle! Entscheidend ist, dass er heute hilft und dass er dereinst eine neue Welt schaffen wird. Diese wesentliche Botschaft wollten die Evangelisten vermitteln und verwendeten dazu die Form von Wundererzählungen.”
Welche Folgen hat eine bestimmte Stellung zur historischen Echtheitsfrage für uns und für unser Leben mit Gott? Dieser Frage möchte ich hier nachgehen.
Die eingangs angeführte Begründung ist teilweise berechtigt. Natürlich ist es primär entscheidend, wer Jesus heute und zukünftig für uns ist, und nicht so sehr, ob er damals einen bestimmten Blinden geheilt hat. Doch es ist mitzubedenken, dass die Skepsis gegenüber den Evangelien mehrere durchaus wesentliche Folgen haben kann. Welche Folgen sind das? Ver-suchen wir, uns in eine solche skeptische Haltung hineinzuversetzen, und überlegen wir deren Konsequenzen.
Vorausgeschickt sei, dass wichtiger als die Frage nach den möglichen Folgen natürlich die Frage nach der Wahrheit ist – die Frage also, ob bestimmte Berichte historisch sind oder nicht. Sollten diese tatsächlich unhistorisch sein, so haben wir das zur Kenntnis zu nehmen, samt al-len Konsequenzen.

1. Das Unterscheiden zwischen historisch und gleichnishaft gemeinten Wunderberichten des NTs ist schwierig

Gemäß dieser skeptischen Betrachtungsweise wären also manche Evangelien-Berichte, die zumindest auf den ersten Blick einen geschichtlichen Eindruck machen, nicht historisch. Diese “scheinbaren Geschichtsberichte” wollen also eigentlich nur “Glaubensaussagen” machen. Dadurch stellt sich die Aufgabe der Unterscheidung zwischen einzelnen Teilen der Evangelien hinsichtlich ihres Anspruchs auf Geschichtlichkeit. Wenn demnach der eine als geschichtlich erscheinende Bericht ungeschichtlich ist – vielleicht gilt das auch für andere? Wenn die eine Heilung gar nicht tatsächlich stattgefunden hat – vielleicht hat auch die Auferstehung Jesu gar nicht stattgefunden? Eine solche Unterscheidung ist nicht leicht durchzuführen, da diese Berichte gleicherweise einen historischen Eindruck machen.
Selbst wenn ein theologischer Lehrer meint, zwischen den einzelnen Evangelienberichten deutlich unterscheiden zu können, wo es sich um geschichtliche Aussagen und wo um Glaubensaussagen in historischem Kleid handelt: Seinen Schülern ist diese Unterscheidung vielleicht schon nicht mehr einsichtig, und sie dehnen den Bereich des Ungeschichtlichen auch auf weitere Evangelien-Erzählungen aus.

2. Ermutigung durch den Hinweis auf wirkliche Beispiele fällt weg

Es ist nicht gleichgültig, ob es vor mir noch nie jemanden gab, der sich in einer ähnlichen Situation wie ich befand und dem von Jesus geholfen wurde, oder ob es schon Andere gab. Nehmen wir an, ich befinde mich in einer konkreten Notsituation. Als Skeptiker wüsste ich von kaum jemandem, dem von Jesus in einer solchen Situation geholfen wurde. Ich hätte im Neuen Testament (im Folgenden abgekürzt als: NT) lediglich die Schriften von Menschen, die überzeugt waren, dass Jesus in einer solchen Situation helfen könnte. Diese Überzeugung wäre ausgedrückt in Form von erfundenen Berichten darüber, wie eine solche Hilfe durch Jesus konkret aussehen könnte. Die in diesen Berichten (= Evangelien) ausgedrückte Überzeugung anderer kann mich vielleicht etwas aufrichten, dennoch fühle ich mich in einer gewissen Hinsicht alleine. Schließlich muss ich mit der Möglichkeit rechnen, dass Jesus noch nie jemandem in meiner Situation geholfen hat – vielleicht bin ich der Erste und bisher Einzige, dem er in dieser Situation helfen würde. Zwar kann ich aller bisherigen Menschheitserfahrung zum Trotz an diese Hilfe glauben, aber das ist wesentlich schwerer, als wenn ich von konkreten Fällen weiß, wo Jesus in ähnlichen Situationen bereits Anderen geholfen hatte.

3. Die Darlegung des Evangeliums ist erschwert, wenn sich in Verbindung mit Jesus nur wenig Historisches anführen lässt

Gemäß dieser skeptischen Betrachtungsweise wüssten wir nur wenig Historisches über Jesus. Wir hätten bloß nebulose Berichte mit einem kleinen historischen Kern. Was sagen wir demnach anderen Menschen, wenn wir sie mit Jesus konfrontieren wollen? Über das, was er tat und sagte, könnten wir ja nur Vermutungen anstellen. Wir würden also anderen Menschen davon erzählen, dass einmal ein Mensch namens Jesus lebte, von dessen Handlungen und Reden wir zwar nichts Sicheres wüssten … Was sagte er, wie meinte er es, was wollte er? Diese Fragen müssten wir letztlich offenlassen. Wir könnten lediglich hinzufügen, dass es zwei Generationen nach seinem Tod Menschen gab, die eine sehr hohe Meinung von Jesus hatten (auch wenn diese nichts Sicheres mehr von ihm wussten …).

4. Entscheidung für Jesus-Nachfolge gleicht einem blinden Sprung

Gemäß dieser skeptischen Betrachtungsweise lässt sich also kaum Sicheres und Genaues über Jesu Leben sagen. Wir könnten bloß darauf verweisen, dass es ungefähr ein halbes Jahrhundert nach dem Wirken Jesu einige Schriftsteller gab, die sich vorstellten, dass Jesus viel tun könnte. Soll sich deshalb ein Betrachter dazu entschließen, Jesus nachzufolgen? Die genannten Schriftsteller (= die Evangelisten) stehen mit ihrer Botschaft ja nicht alleine da; daneben gibt es andere Schriftsteller, die sich vorstellen, dass XY viel tun könnte … Warum sollte sich der suchende Mensch da ausgerechnet für Jesus entscheiden? Vielleicht deshalb, weil dessen Anhänger literarisch begabter waren, so dass deren Schriften eindrucksvoller wirken als die anderer Autoren? In jedem Fall bliebe die Entscheidung für einen bestimmten Heilsbringer sehr zufällig; es gäbe kaum objektive Gründe, die jemanden veranlassen können, sich gerade für Jesus zu entscheiden.

5. Christsein spielt sich nur auf der Gedanken-Ebene ab, wenn die Evangelien bloß den Glauben an Mögliches (aber kaum wirklich Geschehenes) bezeugen

Gemäß dieser skeptischen Betrachtungsweise liegen uns also Berichte darüber vor, was zwar nicht wirklich geschehen ist, aber geschehen könnte: Jesus könnte viel tun (hat es aber nicht), Petrus hätte auf dem Wasser gehen können, wenn er gewollt/geglaubt hätte (er hat es aber nicht) … Die Evangelien enthielten also beeindruckende Geschichten, die sich ein Beobachter gedanklich ausgemalt hat. In Wirklichkeit jedoch sei es nie dazu gekommen.
Wo erfährt ein Mensch heute, was Christsein bedeutet? Er erfährt es durch das NT. Dort liest er in den Evangelien, was geschehen könnte; er liest davon, was sich mehrere Menschen vorgestellt haben; er liest, was diese gedanklich entwickelt haben … Das Christsein, mit dem er solcherart konfrontiert wird, ist primär etwas, das sich auf der Gedankenebene abspielt, nicht in der Wirklichkeit.

6. Die Botschaft Jesu verschiebt sich aufgrund vieler ihm abgesprochener Aussagen

Gemäß dieser skeptischen Betrachtungsweise hat Jesus nicht nur viele ihm zugeschriebene Wunder gar nicht gewirkt, sondern es gehen auch viele in den Evangelien berichtete Aussprüche gar nicht auf ihn zurück. Ein Teil der Aussagen Jesu wird also diesem abgesprochen. Je nachdem, was ihm abgesprochen wird, ändert sich auch die auf bestimmte Themen bezogene Botschaft Jesu. Das ist wichtig insbesondere für denjenigen, dem Jesus als die eigentliche und höchste Autorität gilt.

7. Unser Wirklichkeits- und Wahrheitsverständnis verändert sich durch das entsprechende Vorbild der Evangelisten

Gemäß dieser skeptischen Betrachtungsweise machten zumindest die damaligen Evangelisten keinen großen Unterschied zwischen geschichtlich und ungeschichtlich, zwischen wirklich und unwirklich. Das begünstigt ein Schwächerwerden dieser Unterscheidung auch bei uns, denen diese Texte als autoritativ gelten.
Wenn diese Texte dennoch, im Gegensatz zu ihrer teilweisen/weitgehenden Ungeschichtlichkeit, die Geschichtlichkeit behaupten (etwa in Joh. 21,24), und wenn vaticinia ex eventu als Vorhersagen im vorhinein präsentiert werden, so ist damit eine schwächere Auffassung von Wahrheit verknüpft. Es wird damit ja vorexerziert, dass man vieles, was eigentlich gar nicht stimmt, als “Wahrheit” ausgeben kann.

8. Wenn Jesus sich selbst nicht als Messias erkannt hatte, ändert sich unser Bild von Jesus

Diese skeptische Betrachtungsweise ergibt ein wesentlich verändertes Jesus-Bild. Gemäß der Ansicht der liberalen Forschung seien alle Hinweise darauf, dass Jesus der Messias ist, erst nachträglich seitens der Evangelisten eingetragen worden. Jesus selbst hätte demnach nichts gewusst davon, dass er der Messias war. Erst spätere Generationen hätten ihm das Messiasbewusstsein zugeschrieben. Das ergibt kein sehr messianissches Bild! Die Evangelien präsentieren demnach einen Retter und Befreier, der selbst gar nicht wusste, wer er ist und was er tut!

– o –
Bei genauer Betrachtung zeigt sich also, dass eine skeptische Haltung sehr wohl schwerwiegende Folgen hat. Der Streit um die Historizität der biblischen Ereignisse ist also kein bloßer Streit um Äußerlichkeiten; es ist ein Streit um den wesentlichen Gehalt unseres Glaubens.

Mit freundlicher Genehmigung des Herrn Franz Graf-Stuhlhofer.
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