Jesu Schüler (4)

5. Die literarische Explosion
50 Jahre danach

a) Revolutionäre Datierungs-Vorschläge

In den letzten Jahren wurden mehrmals sensationelle Datierungsvorschläge gemacht: John A.T. Robinson meinte, dass die literarisch „wirklich kreative Periode der frühen Kirche“ die 50er Jahre waren. In dieses Jahrzehnt (zuzüglich einiger Jahre davor und danach) datiert er alle 4 Evangelien. die Apostelgeschichte und alle Paulusbriefe.
Wenn ein Außenstehender davon hört, dass es mehr als 2 Jahrzehnte nach den Ereignissen intensive Bemühungen um ein schriftliches Festhalten dieser Ereignisse gab, wird er sich wundern: Warum erst so spät? Was für „Insider“ sensationell früh klingt, klingt für den „Outsider“ schon reichlich spät.
Schon vor Robinson wurde die Ansicht vertreten, dass die Apostelgeschichte vor dem Martyrium von Paulus und Petrus geschrieben wurde. also Anfang der 6oer Jahre. Begründung: Das Martyrium des Stephanus wird so eindringlich dargelegt – warum sollte dann das von Paulus und von Petrus (über deren Wirken so ausführlich berichtet wurde) vorenthalten werden? Wendet man nun ein, Lukas habe bewußt mit der Ankunft des Paulus in Rom schließen wollen, weil es seinem Programm (Jerusalem – Judäa – Samaria – bis an die Grenzen der Erde) entsprach, so stößt diese Vorstellung auf Schwierigkeiten: Erstens war das Evangelium schon vor Paulus in Rom (wie auch in der Apg erkennbar: 18,1), und zweitens wurde Rom, die Hauptstadt des Reiches, damals nicht als „Grenze der Erde“ angesehen.
Wenn aber die Apostelgeschichte Anfang der 6oer Jahre geschrieben wurde, dann – so die weiteren Vermutungen – das

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Lukasevangelium davor und das Markusevangelium noch früher.
Falls in der Höhle 7 von Qumran tatsächlich ein Fragment des Markusevangeliums gefunden wurde (7Q5), müßte man mit der Datierung zumindest für dieses Evangelium noch weiter zurückgehen. Dieses Fragment wird nämlich auf die Mitte des 1.Jahrhunderts datiert – also wäre für das Original eine noch frühere Abfassungszeit anzunehmen.

Aufgrund von Markus 13,14 meint Günther Zuntz, dass dieses Evangelium im Jahr 40 geschrieben sei. Zuntz bezieht den „unheilvollen Greuel“ auf Caligulas Absicht, sein Standbild im Tempel von Jerusalem aufstellen zu lassen (Caligula wurde im Januar 41 ermordet).

Laut Rudolt Pesch verwendete Markus eine schriftliche „vormarkinische“ Passionsgeschichte, bestehend aus den letzten drei Markus-Kapiteln und Teilen der sechs Kapitel davor. Dieses „Evangelium der Urgemeinde“ soll spätestens 37 n. Chr. geschrieben worden sein.

Beobachtungen bezüglich des Evangeliengebrauchs des Paulus könnten angesichts solcher Hinweise auch eine neue Bedeutung gewinnen. Helmut Burkhardt führt anhand von Philipper 3 vor, daß darin eine Reihe von Bezugnahmen auf den heute in Matthäus 16 und 17 enthaltenen Stoff liegen.

Für den konservativ eingestellten Bibelleser ist nun die Versuchung groß, solche Ergebnisse (oder Thesen?) dankbar aufzugreifen: Die Ansicht wäre uns sehr sympathisch – also muß sie stimmen! So kann man auch beobachten, daß über solche Thesen in evangelikalen Zeitschriften sehr schnell berichtet wird. Doch eine mögliche These ist nicht schon deshalb richtig, weil sie uns gefallen würde. Hier müssen wir behutsam sein: Wir können nur dann auf eine These bauen, wenn die Beweislage sie zumindest als sehr wahrscheinlich erscheinen läßt.

Literatur dazu: John A.T. Robinson, Wann entstand das Neue Testament? (1986), S. 13-18 (über die generelle Meinung zur

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Datierung der ntl. Bücher), S. 363f (Robinsons Datierungsgerüst). – Zur Datierung der Apg Hugo Staudinger, Die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien (51988), S. 28-33. – Rudolf Pesch, Das Evangelium der Urgemeinde. Wiederhergestellt und erläutert (1979). – Günther Zuntz über Markus im Jahr 40 in: Hubert Cancik (Hg.), Markus-Philologie (1984), S. 47ff.219-221. – Carsten Peter Thiede, Die älteste Evangelien-Handschrift? Das Markus-Fragment von Qumran und die Anfänge der schriftlichen Überlieferung des Neuen Testaments (21990), sowie ders.: Jesus: Life or Legend? (1990) Kap. 3-6. – Helmut Burkhardt, Wie geschichtlich sind die Evangelien? (1979), S. 27-29.

b) Die „herkömmliche“ Datierung

Wann wurden die Evangelien geschrieben? In der Theologie herrschen folgende Datierungen vor:

um 70 n. Chr. Markus
um 8o n. Chr. Lukas
um 90 n. Chr. Matthäus
90 bis 100 n. Chr. Johannes
Und die anderen ntl. Bücher?
Betrachten wir die im Bereich der Fachtheologie vorherrschenden Ansichten:
Die Apostelgeschichte entstand bald
nach Lukas (80 bis 90 n. Chr.?), der Hebräerbrief etwa zur gleichen Zeit, die Offenbarung des Johannes um 90 n. Chr.

Davor liegen lediglich die „echten Paulusbriefe“, und zwar in dem Jahrzehnt von 50 bis 60 n. Chr. Trägt man die mutmaßlichen Entstehungszeiten der ntl. Bücher in einem Schaubild ein, so fällt auf: Die entscheidenden Ereignisse selbst waren um 30 n. Chr.; danach folgen also zwei Jahrzehnte, von denen wir überhaupt keine literarischen Reste haben (weil nichts geschrieben wurde?). Dann haben wir immerhin die Paulusbriefe, einige Zeit später immerhin das kürzeste Evangelium

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(Mk). Ab 80 n. Chr. – also ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen um Jesus – geht es dann so richtig los: Von 80 bis 95 wurde mehr als die Hälfte unseres NT geschrieben.

Das ist ein Befund, der nach einer Erklärung ruft: Es finden Ereignisse statt, die vorerst niemand schriftlich festzuhalten wert findet; erst nachdem jene, die es selbst miterlebt hatten, gestorben sind, kommen einige Menschen darauf, daß die damaligen Ereignisse enorm wichtig waren und niedergeschrieben werden sollten. Wieso auf einmal? Waren die Ereignisse wichtig, warum wurden sie dann nicht früher aufgeschrieben? Waren sie doch nicht so wichtig, warum sie dann ein halbes Jahrhundert danach auf einmal doch niederschreiben?

Etwas schematisch könnte man das so ausdrücken: Mehr als 30 Jahre lang gab es kein Bewahrungs-Interesse und dann 30 Jahre lang kein Unterscheidungs-Interesse. Kein Bewahrungs-Interesse: Was Jesus gesagt hatte, wurde nicht bewahrt. Kein Unter-

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scheidungs-Interesse: Ob etwas authentisch vom irdischen Jesus oder erst vom erhöhten, also durch andere Menschen, gesagt wurde; und ob ein Brief tatsächlich von Paulus/Petrus/ Johannes und anderen war oder nicht. Unechte Briefe wurden ja so gut wie echte akzeptiert. Dann, nach 2 Generationen etwa (wenn wir eine Generation mit 30 Jahren gleichsetzen), gab es doch ein gewisses Bewahrungs- (vielleicht auch Unterscheidungs-) Interesse, aber dann war es schon zu spät. Man konnte nur noch behalten, was da war, ob echt oder nicht.

Warum wurde ab etwa 80 n. Chr. auf einmal so viel geschrieben? War die Bewegung also doch schreibfreudig? Warum dann erst so spät? Es wirkt so, als hätte man bloß darauf gewartet, bis alle Augenzeugen tot sind, um dann um so unkontrollierter drauflosschreiben zu können!

Aus all den genannten Gründen erscheint mir die bisherige Gesamt-Chronologie als unwahrscheinlich (ohne daß ich mich nun für jede einzelne Schrift auf eine genaue Entstehungszeit festlegen könnte).

Ein häufig gebrauchtes Datierungs-Argument ist die theologische Entwicklung. Manche Schriften werden spätdatiert, weil sie für eine frühere Zeit eine allzu entwickelte Theologie vorauszusetzen scheinen. „Damit wird gesagt, dass wir erstens wissen, in der betreffenden Angelegenheit habe eine Entwicklung überhaupt stattgefunden, und zweitens, wie rasch sie fortgeschritten sei. Man geht sogar soweit, eine außerordentlich stetige und gleichförmige Entwicklung anzunehmen und damit die Möglichkeit auszuschließen, jemand könne einem anderen bedeutend vorgegriffen haben“ (C.S. Lewis). Wie Lewis halte auch ich mich für außerstande, derart sichere Aussagen über den Verlauf der theologischen Entwicklung zu machen, daß ich darauf die Datierung einer Schrift stützen könnte.

Wir könnten nun noch Vergleiche mit Bewegungen des 2. Jahrhunderts anstellen: Sowohl bei den Markioniten gab es eine schriftliche Grundlage (die Antithesen des Markion) als auch bei den Montanisten (die prophetischen Orakel des Monta-

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nus und der beiden Prophetinnen wurden gesammelt). Der Zeitraum zwischen dem Beginn der Bewegung (d.h. Sammeln von Anhängern …) und der Entstehung des ersten Grundlagen-Buches wird kaum länger als ein Jahrzehnt gedauert haben.

Literatur dazu: Clive Staples Lewis, Was der Laie blökt. Christliche Diagnosen (21977), S. 31.

c) Jesus: Erst ein Jahrhundert danach

eine Autorität?

„In den Jahrzehnten nach Jesu Tod dachte man kaum daran, sich auf Worte Jesu als Autorität zu berufen. Autorität war und blieb damals – auch bei den Christen – das A T. Das zeigen die ntl. Briefe, in denen kaum jemals Jesus-Zitate vorkommen, oder das Jerusalemer Apostelkonzil, das über die Frage der Beschneidung beriet. „

Eine solche Vorstellung stößt auf viele Einwände:

1. Warum wurden überhaupt die Evangelien geschrieben, bestehend zu einem wesentlichen Teil aus – wirklichen oder angeblichen – Worten Jesu? Zumindest zur Zeit ihrer Niederschrift (nehmen wir einmal an, von etwa 60 bis 100 n. Chr.) müssen diese Worte Jesu doch eine Bedeutung gehabt haben.

2. Sowohl einzelne Aussprüche Jesu als auch manche seiner Verhaltensweisen führten zu einer Verschiebung der Bedeutung des mosaischen Gesetzes, was in Einzelfällen zu einer Verschärfung von Geboten, in anderen Fällen wiederum zu einer Lockerung führen konnte – etwa gegenüber den Speisegeboten. Wären die Christen darauf eingestellt gewesen, diese Gebote voll einzuhalten, hätten sie den mitunter auch „gesetzes-kritischen“ Jesus der Evangelien abgelehnt.

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3. In der Diskussion um die Beschneidung (Apg 15) beruft sich niemand auf ein Wort Jesu. Es gab auch kein Wort Jesu, mit dem sich diese Streitfrage eindeutig beantworten ließ. Hätte es ein solches Wort gegeben, dann wäre die Nichtbeachtung dieses Wortes tatsächlich ein Argument für die damals geringe Bedeutung der Worte Jesu. Vom AT her gesehen war die Forderung der bekehrten Pharisäer durchaus naheliegend. Man fragt sich auch, warum es überhaupt so lange Diskussionen gab, wenn bloß das AT Autorität war. Mit welchen atl. Stellen hätten die Beschneidungs-Gegner denn argumentieren sollen? Das einzige hier wiedergegebene atl. Zitat (Jakobus‘ Berufung auf Amos) gab ja kaum etwas her, um damit den Verzicht auf die Beschneidung zu begründen. Wenn die Parteien mit Jesus- Worten argumentierten (die Befürworter etwa mit Mt 5,17-19, die Gegner mit Mk 2,23-28 oder 7,15), so kann man verstehen, dass sich daraus eine längere Diskussion entspann.

4. Zumindest einige Male beruft sich Paulus auf Worte Jesu: 1. Korinther 7, 10 („dass eine Frau sich nicht vom Mann scheiden lassen soll“) und 9,14 („die das Evangelium verkündigen, sollen vom Evangelium leben“). Auch wenn diese Beispiele spärlich sind, so zeigen sie doch, daß Jesu Worte eine Autorität darstellten.

Wenn etwa die ntl. Briefe kaum Jesus-Zitate enthalten, so gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder waren diese den Briefschreibern nicht so wichtig, oder die Briefempfänger kannten diese Zitate ohnehin schon anderswoher. Die Hauptfrage dabei ist daher: Gibt es Hinweise darauf, dass Worte Jesu auf einem anderen Weg (außerhalb der Briefe) vermittelt wurden?

Ich nenne mehrere Indizien:

  • Die ntl. Briefe enthalten zwar einzelne Zitate aus dem AT, aber das war sicher viel zu wenig, um den Adressaten dadurch eine gründliche AT-Kenntnis zu vermitteln. Das Kennenlernen des AT seitens der Heidenchristen mußte daher auf einem anderen Weg erfolgen, etwa durch entsprechenden Unterricht.
  • Auch wo Paulus sich auf Worte Jesu beruft (1.Kor 7,10 und78

    9,14), erwähnt er diese nur ganz kurz, ohne sie wörtlich anzuführen. Das läßt vermuten, dass diese Worte der korinthischen Gemeinde ohnehin schon auf einem anderen Wege bekannt geworden waren. Hier wäre auch noch an 1.Thessalonicher 4,15 zu denken: „das sagen wir in einem Wort des Herrn“. Da die folgende Erläuterung – in diesen Worten – sich in den Evangelien nicht findet, könnte man annehmen, hier bezeichnet Paulus eine prophetische Eingebung als „Wort des Herrn“. Doch will Paulus hier wirklich zitieren? Seine Einleitungsformel kann sprachlich auch heißen: aufgrund, unter Bezugnahme auf ein Wort Jesu. Tatsächlich ist der Bezug auf Jesu Endzeitrede gegeben, wenn auch nicht wörtlich (vgl. Mt 24,30f).

  • Wo Paulus einen Text Jesu mitteilt (1.Kor 11,23), erwähnt er auch, dass er diesen der Gemeinde ohnehin schon übermittelt hatte (ähnlich dann auch 15,3). Paulus hatte seinen Gemeinden also Texte übermittelt, und dazu können wohl auch Aussprüche Jesu gehört haben. (Vgl. Kap. 2c zu „überliefern“.)
  • Auch im 1.Johannesbrief fehlen Zitate von Jesus-Überlieferungen, obwohl aus demselben theologischen Kreis ein Evangelium stammt.
  • Auch die Missionspredigten enthielten keine Zitate von Jesus-Worten. Und das, obwohl Lukas, der von diesen Predigten berichtete (in der Apg), selbst ein Evangelium geschrieben hatte, also durchaus von vielen Jesus-Worten wußte.
  • Ausgehend von den belehrenden Personen gibt es im NT zwei deutlich unterschiedene Gruppen von Büchern: Einerseits die Evangelien, wo Jesus als der einzige Lehrer erscheint (als solche deklarierte Kommentare des Evangelisten werden nur sehr behutsam angehängt: sie sind kurz und dienen als verbindende Rahmenbemerkungen); andererseits die Apostelgeschichte und die Briefe mit ihrer Mehrzahl von Lehrern: Petrus, Paulus, Johannes … (Die Offenbarung müßte man bei dieser Zweiteilung noch eher zur ersten Gruppe rechnen.)
  • Zwei deutlich unterschiedene Gruppen findet man auch, wenn man als Kriterium nimmt, ob Gottes Botschaft im
    79Munde des irdischen Jesus präsentiert wird: das geschieht in den Evangelien nur so, außerhalb der Evangelien überhaupt nicht. In der Apostelgeschichte finden wir den gelegentlich redenden Heiligen Geist sowie – wie dann auch in den Briefen – predigende und ratschlagende Menschen. In der Offenbarung erlebt der Seher „im Geist“ durch Engel vermittelte Visionen, gelegentlich auch das Reden des erhöhten Jesus. – Diese Zweiteilung legt nahe, daß ein briefschreibender Apostel es nicht als seine Aufgabe ansah, über den irdischen Jesus zu informieren – im Wissen, dass das ohnehin auf einem anderen Wege geschah (später durch die Evangelien, vorher durch deren Vorformen).

All das weist auf die „Isolierung der Jesustradition“ (Gerhardsson) hin: Worte und Taten Jesu werden in den Evangelien berichtet und nicht außerhalb von ihnen.

Literatur dazu: Riesner 55-58. – Birger Gerhardsson, Die Anfänge der Evangelientradition (1977), S. 25-54. – Helmut Burkhardt, Wie geschichtlich sind die Evangelien? (1979), S. 25f (zu 1.Thes 4,15).

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6. Der Geschichtsbegriff in der Antike

Wollen die Evangelien Geschichtsdarstellungen sein? Ein Einwand dagegen könnte grundsätzlicher ansetzen: Nicht erst bei den Evangelien, sondern schon ganz allgemein bei der Antike:

„Die Antike hatte einen anderen Geschichtsbegriff, als wir heute haben. Die Menschen im Altertum machten nämlich keinen strengen Unterschied zwischen historischen Ereignissen und Legenden. Vor diesem Hintergrund sind auch die Schriften des NT zu sehen; es wäre also nicht angemessen, wenn man sie wie historische Berichte lesen würde.“

Die Lektüre der antiken Historiker zeigt, dass diese sehr wohl darum bemüht waren, zwischen wirklichen Ereignissen und bloßen Gerüchten, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Einige Zitate aus der Caesar-Biographie von Sueton (geschrieben am Anfang des 2.Jahrhunderts n. Chr.) sollen das verdeutlichen:

„Das Verhalten seiner Gegner diente ihm [Caesar] aber nur als Vorwand für den Bürgerkrieg. Seine eigentlichen Beweggründe waren, wie allgemein angenommen wird, andere…. Dieses Gerücht gewinnt noch an Wahrscheinlichkeit durch …“ (Kap.30) – Beachte die Unterscheidung zwischen „Vorwand“ einerseits und „eigentlichen Beweggründen“ andererseits! Außerdem: Man war sich bewusst, dass es bei Annahmen oder Gerüchten verschieden große Wahrscheinlichkeit geben kann.

„Einige glauben, dass er einem jeden das Vermögen eines Ritters versprochen habe; das beruht jedoch auf einem Missverständnis…. Die ganz hinten stehenden Leute, die den Redner zwar sehen, aber kaum noch verstehen konnten, legten diese Geste falsch aus. So verbreitete sich das Gerücht, …“ (Kap.33) – Hier wird ein Gerücht als Missverständnis entlarvt.

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„Von ihm sind mehrere Reden überliefert, unter denen sich aber auch unechte befinden…. Augustus glaubt, dass auch die Rede ,Zu den Soldaten in Spanien‘ nicht von Caesar ist, obwohl zwei solche Reden unter seinem Namen überliefert sind“ (Kap. 55). – Man versuchte also zu unterscheiden, ob eine Rede wirklich auf Caesar zurückgeht oder nicht.

„Wenn seine Soldaten durch ein Gerücht über die Stärke der feindlichen Truppen verängstigt waren, so versuchte er sie zu ermutigen – nicht dadurch etwa, dass er diese Zahlen abstritt oder abschwächte, sondern vielmehr dadurch, dass er sie noch übertrieb“ (Kap.66). – Eine Angabe über die Zahl der feindlichen Soldaten kann stimmen, sie kann aber auch zu hoch oder zu niedrig sein: all das wird sorgfältig unterschieden.

„Man kann diese Sache nicht als eine Fabel oder als reine Erfindung ansehen, denn sie wird durch einen engen Freund Caesars, nämlich durch Cornelius Balbus, bezeugt“ (Kap.81). – Sueton erwähnt hier eine Frage, deren Beantwortung zu erkennen hilft, ob etwas bloß Sage (oder Erfindung) ist; Wie gut konnte der Mitteilende über den Sachverhalt Bescheid wissen? (Wenn er gut Bescheid wusste, bleibt natürlich noch zu prüfen, ob er auch die Wahrheit sagen wollte.)

Dass auch die Menschen der Antike zwischen wirklich und unwirklich unterschieden haben, ist nicht verwunderlich. Würde jemand hier – in konsequenter Weise – keinen Unterschied machen, so würde er nicht lange überleben. Die Antike unterschied also nicht grundlegend anders als unsere Gegenwart. Eine gewisse Differenz allerdings ist doch zu erkennen. Und zwar gab es in der Antike gegenüber Wunderberichten weniger Skepsis als in der Gegenwart. Die Menschen der Antike rechneten stärker mit der Möglichkeit von Wundern, als dies heutige Menschen tun (insbesondere im akademischen Bereich). Insofern war damals natürlich die Möglichkeit größer, dass Berichte von legendären, nicht historischen Wundern geglaubt wurden. (Man könnte zur Bezeichnung des Wunder

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nicht ausschließenden antiken Wirklichkeitsverständnisses den Begriff „gesteigerte Wirklichkeit“ verwenden.)

Bezogen auf die Evangelien, kann ein deren Historizität betreffender Einwand folgendermaßen aussehen:

„Die Evangelien wollen keine historischen Berichte sein, sondern Glaubenszeugnisse: die Jünger stellen ihren Glauben an Jesus dar. Nicht um das, was sich historisch ereignet hat, geht es, sondern darum, wie die Jünger Jesus sehen; nicht darum, was Jesus in der Vergangenheit getan hat, sondern darum, wer er in der Gegenwart ist.“

Wie sieht es nun mit den Evangelien aus? Können sie etwa mit den Biographien des Sueton verglichen werden?

Was man in den Evangelien nicht findet, sind Berichte mit dem Zusatz, dass es nicht sicher – oder bloß wahrscheinlich – ist, ob das Berichtete sich tatsächlich ereignet habe. Ein solcher Hinweis ist immer ein gutes Zeichen für eine quellenkritische Einstellung des Berichterstatters. Dass man Derartiges in den Evangelien nicht findet, kann mehrere Gründe haben (abgesehen von den Möglichkeiten, daß sie eben durchweg Unwirkliches berichten, bzw. daß sie alle irgendwo erzählten Geschichten gutgläubig übernommen haben):

1. Berichte, über deren Geschichtlichkeit keine Sicherheit mehr zu erzielen war, wurden generell weggelassen. (Es gab ja genug sichere Geschichten; von bloßen Möglichkeiten hat der Leser wenig.)

2. Sueton war bei vielen von ihm berichteten Ereignissen kein Augenzeuge bzw. hatte auch nicht immer Kontakt zu Augenzeugen. Das war bei den Evangelien (oder schriftlichen Vorformen) – sofern sie innerhalb der den Ereignissen darauffolgenden Jahrzehnten niedergeschrieben wurden – anders: Augenzeugen der Ereignisse waren entweder die Diktierenden oder doch die ursprünglichen Überlieferer. Sie wussten daher, was von einem bestimmten Gerücht zu halten war.

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Andere Charakteristika Suetons finden wir auch in den Evangelien: Erinnern wir uns an Kap. 2f. Dort sahen wir ein Differenzierungsvermögen. Auch die Beschreibung von Missverständnissen in den Evangelien weist darauf hin, ebenso die ausdrücklich als solche bezeichneten Gleichnisse bzw. Bildreden. Diese Hinweise zeigen ein Unterscheidungsvermögen zwischen historisch-wirklich einerseits und bildlich-übertragen andererseits Joh 10,6 oder 16, 25. 29).

Ferner haben wir eine Reihe von Aussagen, in denen ausdrücklich das Geschichtliche betont wird. Sowohl von seiten des Evangelisten (wie Lk 1,1-4; „Ereignisse, die sich unter uns zugetragen haben“) als auch von seiten der in den Berichten auftretenden Personen (wie Apg 1,21: ein Augenzeuge als Ersatz für Judas) .

Ob die Evangelien und die Apostelgeschichte Geschichtsberichte sind oder nicht: es geht ihnen jedenfalls (auch) um Geschichte, sie sind keine Aneinanderreihung von Reden und Aussagen. Kommt nun der Einwand: Die Evangelisten verpackten ihre Aussagen in Geschichtsform, so ist zu antworten:

Erstens wurde diese „Verpackung“ nicht sehr weitgehend durchgeführt – es sind noch die Perikopen erkennbar (besonders deutlich bei Markus mit seinem monotonen Beginn kaì). Das weist auf eine weitgehende Bindung an (mündlich oder schriftlich) vorgegebene Texte hin.

Und zweitens stimmt es doch nachdenklich, dass die Evangelien konkrete historische Namen sowie Datierungen angeben, die mit allgemeinpolitischen Ereignissen in Verbindung stehen (etwa Lk 2.1f: Verordnung vom Kaiser Augustus … als Cyrenius Statthalter von Syrien war; 3,1: im 15. Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter von Judäa war …; Apg 18,2: Klaudius hatte befohlen, daß alle Juden sich aus Rom entfernen sollten; 18,12: als Gallio Prokonsul von Achaja war). Unabhängig wie jemand die Historizität solcher Angaben beurteilt: Dass diese Angaben überhaupt gemacht werden, zeigt historische Absichten. Dass es auch anders ge-

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gangen wäre, wird etwa beim Vergleich mit den Qumran- Schriften deutlich: Dort wurde streng auf Anonymität aller erwähnten Personen geachtet – wir wissen nicht einmal, wie der dort so wichtige „Lehrer der Gerechtigkeit“ hieß und wann er lebte.

Und drittens scheint – gemäß moderner Ausdeutung der Aussage-Absicht des Evangelisten – der Sinn dieser Aussage(n) so diffizil und unsicher erkennbar zu sein, dass wenig Hoffnung besteht, dass irgend jemand diesen Sinn verstehen konnte. Bedenken wir, wie große Schwierigkeiten die Leser sogar mit der zentralen Lehre des Paulus hatten. Das ist schon bei den Kirchenschriftstellern des 2. Jhs. deutlich erkennbar.

Dass die Evangelisten das Wirken des irdischen Jesus in einer durch das Auferstehungserlebnis beeinflussten Weise sahen, stimmt. Das muss aber nicht unbedingt zu einem Zerrbild der Geschichte führen. Wenn ein Historiker die Jugend Hitlers schildert, kann sein Wissen um Hitlers späteres Wirken durchaus eine Hilfe zum Verständnis auch jugendlicher Äußerungen und Verhaltensweisen sein. Auch in unserer unmittelbaren Umgebung kann es uns so gehen, daß wir Handlungen oder Worte eines uns nahestehenden Menschen erst im nachhinein unter dem Eindruck eines späteren Erlebnisses richtig begreifen. In der Antike legten die Historiker besonderen Wert auf die Schilderung der Umstände des Todes eines Menschen und dessen Verhalten dabei; in der Meinung, dass gerade die Ereignisse um den Tod besonders aufschlußreich sind für das Wesen eines Menschen. Zu behaupten, bloß ein sofort angelegtes Protokoll wäre „historisch“, alles später Geschriebene hoffnungslos getrübt, ja verfälscht durch Deutungen aufgrund späterer Ereignisse, beruht auf einer sehr gekünstelten Sicht der Geschichte.

Den Evangelisten soll nicht wichtig gewesen sein, was Jesus getan hatte? Wollten sie nicht darstellen, wer er war, sondern wer Jesus jetzt, in ihrer Gegenwart, ist? Stellten sie also ihren Glauben an den erhöhten Herrn dar, nicht aber das vergangene Wirken des irdischen Jesus? Eine merkwürdige Alternative!

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Auch das Lexikon Who is Who will informieren darüber, wer die einzelnen Personen sind – und tut das, indem es deren vergangene Leistungen beschreibt.

Literatur dazu: Zitate aus Sueton nach der Übersetzung von André Lambert (dtv 21977). – Riesner 32. – Zur Deutung von Jesu Erdenwirken von Ostern her: Hugo Staudinger, Die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien (51988), S. 10f. – Die Frage nach dem „Ort“ der Evangelien innerhalb der antiken Literatur wurde in letzter Zeit mehrmals behandelt – durchweg mit dem Ergebnis, dass das Schlagwort „die Evangelien wollen keine historischen Berichte sein“ so nicht aufrechterhalten werden kann. Vgl. Martin Hengel, Zur urchristlichen Geschichtsschreibung (21984) Studie I: „Antike und urchristliche Geschichtsschreibung“; Albrecht Dihle, Die Evangelien und die griechische Biographie, in: Peter Stuhlmacher, Das Evangelium und die Evangelien (1983), S. 383ff; Hubert Cancik (Hg.): Markus-Philologie (1984), S. 85-130.

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7. Parteiische Geschichtsschreibung

Von der Geschichtlichkeit eines berichteten Ereignisses können wir nur dann überzeugt sein, wenn mehrere, voneinander unabhängige damalige Schriftsteller von diesem Ereignis berichten. Das ist bei den Aussprüchen Jesu nicht der Fall, denn diese werden uns nur durch dessen Anhänger berichtet, bei deren Berichten außerdem literarische Abhängigkeitsverhältnisse bestehen.

Der Grundsatz, dass ein einzelnes Zeugnis alleine nicht ausreicht („testis unus, testis nullus„), wird in der Geschichtsforschung nicht anerkannt. Es wäre sonst auch weithin unmöglich, antike Geschichte zu schreiben. Der Großteil dessen, was man in einem heutigen Buch über griechische oder römische Geschichte findet, kann sich nur auf einen einzigen Schriftsteller stützen. Und dieser Schriftsteller ist zumeist irgendwie Partei. Den „neutralen Historiker mit rein wissenschaftlichem Interesse“ finden wir im Altertum kaum.

Natürlich müssen alleinstehende Berichte streng geprüft werden. Welche innere Wahrscheinlichkeit hat der berichtete Vorgang? Erweist sich der Zeuge an jenen Stellen, wozu auch Berichte anderer vorliegen, als vertrauenswürdig? Solche Fragen müssen gestellt werden.

Literatur dazu: Riesner 88.

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8. Ländliche Aramäer und städtische

Hellenisten

a) Einfluß durch hellenistische Mysterienkulte?

„Die Berichte der Evangelien zeigen viele Merkmale hellenistischer Kultur. Das ist schwer mit dem ländlichen Prediger Jesus in Einklang zu bringen. Es ist daher anzunehmen, daß die Evangelien weitgehend auf spätere Komposition durch hellenistisch beeinflusste Autoren zurückgehen, die beim Schreiben wohl auch ihre hellenistischen religiösen Vorstellungen einbrachten (z.B. Sterben und Auferstehen eintes Gottes). “

Die Hellenisierung Palästinas begann im 3.Jahrhundert v. Chr. Auf die weite Verbreitung griechischer Sprachkenntnisse wurde (in Kap.3a) bereits hingewiesen. Auch Galiläa kam mit dem Hellenismus in Berührung, und zwar durch die Stadtzentren Sepphoris und Tiberias, durch Verkehrswege und durch den Handel mit Phönizien (Tyrus und Sidon). Allerdings wirkte sich die Hellenisierung in Galiläa auf die einzelnen Lebensbereiche in unterschiedlicher Intensität aus. Während die äußeren Lebensbedingungen (Sozialordnung, Handel, Technik, Architektur) vom Hellenismus geprägt wurden, verhielt sich die überwiegend ländliche Bevölkerung kulturell und vor allem religiös konservativ. Der für die hellenistische Zeit typische religiöse Synkretismus (Verschmelzung verschiedener Religionen) konnte in Galiläa nicht Fuß fassen. Der Jerusalemer Tempel blieb weiterhin das religiöse Zentrum und wurde immer wieder durch Wallfahrten aufgesucht. Wenn also die Evangelien gelegentlich einen hellenistischen Hintergrund widerspiegeln, so ist das kein Hinweis auf religiöse hellenistische Einflüsse. Und was hellenistische Rhetorik und Traditionstechnik be-

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trifft: Diese zeigen sich auch im rabbinischen Judentum. Wenn sich solche Einflüsse auch im NT erkennen lassen, so entspricht das durchaus der damaligen zeitgeschichtlichen Situation.

Literatur dazu: Riesner7.54.206-209.245.385.

b) Wir haben nicht das Original, bloß die

Übersetzung …

Jesus hat aller Wahrscheinlichkeit nach aramäisch gesprochen, die Schriften des NT sind aber sämtlich nur griechisch überliefert. Beim Prozess des Übersetzens kann es zu groben Ungenauigkeiten oder gar Verfälschungen gekommen sein.

Seit dem 3. vorchristlichen Jahrhundert war im Zuge der Hellenisierung Palästinas auch die griechische Sprache stark im Vordringen. Da es als Sprache des Handels sowie des Kontaktes mit der römischen Besatzungsmacht und den vielen nichtjüdischen Bewohnern Palästinas diente, muss Griechisch von großen Teilen, wenn nicht gar von der Mehrheit der palästinischen Juden mehr oder weniger gut beherrscht worden sein. Der Zollbeamte Levi/Matthäus muss fließend Griechisch gesprochen haben; Andreas, Thaddäus und Philippus trugen griechische Namen (was nahelegt, dass deren Eltern mit dem Griechischen vertraut waren), nach Johannes 12,21 scheint Philippus Griechisch gekonnt zu haben. Und Jesus? Nach Markus 6,3 erlernte er, wie sein Pflegevater Josef, das Zimmermannshandwerk. In dem kleinen Ort Nazareth fanden sie aber sicherlich nicht genug Arbeit; sie werden also auch in der Umgebung tätig gewesen sein. Dabei kommen vor allem die Orte Japhia und Sepphoris in Frage (eine halbe bzw. eine Stunde Fußweg von Nazareth entfernt), wo reichlich Gelegenheit bzw. Notwendigkeit bestand, Griechisch zu sprechen, Die Gespräche

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mit Pilatus und der wohl als griechischsprachig gekennzeichneten Syrophönizierin (Mk 7,26) scheinen bei Jesus solche Sprachkenntnisse vorauszusetzen, da kein Dolmetscher erwähnt ist.

Die Festung Masada war die letzte jüdische Stellung, die von den Römern – nach der Eroberung Jerusalems – eingenommen wurde (im Jahr 73 n. Chr. nach dem Massenselbstmord der Verteidiger). Obwohl es sich hier um überzeugte jüdische Nationalisten handelte, haben diese in ihren Aufzeichnungen doch nicht bloß Aramäisch verwendet, sondern ebenso Griechisch, und zwar für Eigennamen und Mitteilungen über Getreidemengen (nämlich Verteilungs- bzw. Rationierungsangaben).

Grundsätzlich kann man festhalten: Die normale Sprache der Lehre Jesu war das Aramäische. Die weite Verbreitung des Griechischen in Palästina war aber eine wichtige Voraussetzung für eine sorgfältige Übersetzung der Worte Jesu. Schon allein das damalige Sprachmilieu wird also eine starke Barriere gegen eine wesentliche Entstellung der Worte Jesu bei ihrem Übergang ins Griechische gewesen sein.

Als positiver Hinweis auf die Überlieferungstreue beim Übersetzungsprozess dient die Beobachtung, daß sich bei der Rückübersetzung der Worte Jesu ins Aramäische viele poetische Phänomene erkennen lassen (bzw. werden die Worte beim Zurückgehen aufs Aramäische erst richtig verständlich).

Bei Markus sehen wir, dass er nur sehr zögernd seinen eigenen Sprachgebrauch eingeführt hat und manche Satzteile selbst dann vollkommen übernommen hat, wenn bei weitem nicht alle Einzelworte zu seinem Kontext paßten. Lukas, der glänzendes Griechisch schreiben konnte, hat die Aussprüche Jesu doch nur mit großer Zurückhaltung gräzisiert, obwohl deren semitisierende Form sein Stilempfinden stören mußte. Auch die zahlreichen Aramaismen und Hebraismen im Evangelium sowie die Aramaismen im ersten Teil der Apostelgeschichte sprechen für einen großen Respekt vor der Tradition. Allerdings stellen wir auch fest, dass atl. Schriftzitate – wohl durch

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die Evangelisten – häufig an die griechische Septuaginta-Über- setzung angeglichen wurden.

Literatur zu Handel/Kultur: Riesner 217-219.236f.385f.390. 412f. – Zu Masada: Das Große Bibellexikon, Bd.3 (Wuppertal/ Gießen 1989), S. 1408 (Artikel Schriftenfunde vom Toten Meer). – Zum Sprachmilieu: Riesner 69.392 sowie Carsten Peter Thiede: Jesus: Life or Legend? (1990) 23-30. – Zur Rückübersetzung: Riesner 220f.391.400 – Zu Markus und Lukas: 10.32f.

92.227.398.

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9. Wie argumentieren andere Evangelikale?

Manche evangelikale Leser werden angesichts dieses Buches denken: „Noch ein Buch zu diesem Thema! Da gibt es ohnehin schon so viele …“ Und ein Teil jener, die darin blättern, wird urteilen: „Dieses Thema wurde in anderen Büchern kürzer behandelt, außerdem sind die Antworten dort klarer und ein- deutiger …“

In diesem Kapitel möchte ich zeigen, dass dem nicht so ist. Dass also die hier behandelten Fragen kaum in anderen evangelikalen Büchern schon ausreichend behandelt wurden. Rainer Riesners Dissertation Jesus als Lehrer (31988) oder Helmut Burkhardts Wie geschichtlich sind die Evangelien? (1979) haben noch kaum das breitere deutschsprachige evangelikale Publikum erreicht. Hier könnte auch noch Ernst Lerles Moderne Theologie unter der Lupe von 1988 erwähnt werden. Frederick Fyvie Bruces Die Glaubwürdigkeit der Schriften des Neuen Testaments (41984) ist zwar sehr verbreitet, geht aber nur ansatzweise (in Kap.4: Die Evangelien) auf unsere Fragen ein.

a) Zahl und Alter der Abschriften

Apologetische Bücher behandeln verschiedene Einwände, allerdings nicht die seitens der Fachtheologie aufgeworfenen. Ein regelmäßig wiederkehrendes Argument Eür die Vertrauenswürdigkeit der biblischen Texte ist die große Zahl der Handschriften: 3500 oder gar 5500. Solche Zahlen beeindrucken, sie sagen aber wenig, denn unsere Kenntnis des Textes hängt nicht davon ab, ob im Spätmittelalter 2000 oder nur 1000 Abschriften hergestellt wurden. Etwa 95 Prozent unserer Abschriften haben den Mehrheitstext, der im 3. Jh. durch eine Text-Vereinheitlichung zustandekam.

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Wichtig sind vor allem die ganz alten Handschriften. Diesbezüglich wird darauf hingewiesen, dass wir bereits aus dem 2. Jh. n. Chr. Abschriften haben. Und Vergleiche werden mit der Textüberlieferung anderer Schriften des Altertums angestellt. Das hat etwas für sich; unser Text der ntl. Bücher ist tatsächlich weitgehendst gesichert. Daran zweifelt kein Theologe, auch kein „liberaler“. Ein solcher apologetischer Hinweis ist bloß im Hinblick auf kritische Einwände mancher Laien gerechtfertigt. Doch was liberal-theologische Vorstellungen wie etwa die hier behandelte „Propheten-Hypothese“ betrifft, werden diese auch durch das Miteinbeziehen der ältesten Abschriften nicht widerlegt.

Das Buch von Neil R. Lightfoot Die Bibel – Entstehung und Überlieferung (zuletzt 1983) behandelt bloß den mit der Niederschrift beginnenden Prozess (über die Abschriften und Übersetzungen bis zur Gegenwart). Die Phase zwischen Ereignissen und schriftlicher Berichterstattung wird übersprungen. Auch das Buch Antworten auf skeptische Fragen über den christlichen Glauben von Josh McDowell & Don Stewart (1985) begnügt sich damit, darauf hinzuarbeiten, dass die Synoptiker spätestens 6o n. Chr. geschrieben waren, also noch zu Lebzeiten von Augenzeugen (S. 19f). Bei anderen Fragen wird bereits davon ausgegangen, dass die Evangelien die damaligen Äußerungen Jesu getreu wiedergeben (z.B. S. 51). In seinem Buch Bibel im Test (1988) geht McDowell in Kap. 4 vor allem auf die Textgeschichte ein, dann aber doch auch auf die Archäologie, die zumindest zeigt, dass ntl. Autoren (etwa Lukas in der Apostelgeschichte) gut informiert waren; ein Indiz dafür, dass es ihnen um korrekte historische Nachrichten ging.

Die Welt des Neuen Testaments von Merill C. Tenney (1985), eine Kombination zwischen ntl. Zeitgeschichte und Einleitung ins NT, geht auf unsere Fragen nicht ein.

Richard Wurmbrand setzt sich mit dem russischen Handbuch des Atheisten (1961) auseinander. Sein Buch Antwort auf Moskaus Bibel (41988) erschien auch in deutscher Sprache (obwohl

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Wurmbrands „Gegenspieler“, das russische Handbuch, überhaupt nicht ins Deutsche übersetzt wurde). Die Einwände, denen Wurmbrand nachgeht, berühren nicht die im deutschen Sprachraum tatsächlich vertretenen. Etwa:

„Ein Grundsatz der atheistischen Bibel lautet, die Evangelien seien nicht im ersten Jahrhundert geschrieben worden, sondern von späteren, geschickten Fälschern. Das Johannes- evangelium sei angeblich erst gegen Ende des zweiten Jahrhunderts entstanden“ (S. 67).

Eine solche Behauptung vertritt im deutschen Sprachraum kein halbwegs theologisch gebildeter Mensch.

Paul E. Little widmet liberaler Theologie eine Seite (in: Ich weiss, warum ich glaube. 31988, S. 37), indem er die Möglichkeit erwägt, „dass das ganze Gerede über seinen Gottesanspruch eine Legende ist. Könnte es nicht sein, daß seine eifrigen Nachfolger im dritten und vierten Jahrhundert Worte in seinen Mund legten, die ihn entsetzt hätten, hätte er sie je gehört.“

In dieser Form wird das kein theologisch Informierter behaupten: Nicht im 3./4. Jahrhundert, sondern ein halbes Jahrhundert nach Jesu Wirken wurden ihm Worte in den Mund gelegt – so lauten liberale Ansichten. Little polemisiert also gegen eine kaum vertretene Ansicht; daher bringt auch seine Widerlegung wenig: „Diese Theorie stößt auf ein Problem: die Entdeckungen der modernen Archäologie. Es ist endgültig bewiesen worden, dass die vier Biographien Christi während des Lebens mancher seiner Zeitgenossen geschrieben wurden.“

Sehen wir einmal von der Frage ab, inwieweit die Archäologie zu diesem Beweis fähig ist (etwa dadurch, dass die Verfasser eine Kenntnis Jerusalems zeigen, wie es vor 70 n. Chr., also vor der Eroberung aussah?). Es bleiben bei Little noch immer mehrere Jahrzehnte als Zwischenzeitraum übrig, ohne dass er die damit zusammenhängenden Unsicherheiten behandeln würde.

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b) Heiden als Bestätigung

Im Hinblick auf die Historizität der Ereignisse um Jesus werden dann auch heidnische Schriftsteller zitiert: Sueton, Tacitus, Flavius Josephus. Für unsere Frage – ob Jesu Worte zuverlässig überliefert sind – bringen diese Schriftsteller nichts. Sie waren keine Augenzeugen, stützten ihre Darstellung wohl nur auf Berichte aus zweiter Hand und sagen kaum etwas über den Inhalt von Jesu Botschaft.

Überhaupt konzentrieren sich apologetische Bücher auf Jesu Wunder (insbesondere – mit Recht – auf das Fundamentalwunder der Auferstehung). Die Worte Jesu und der Erweis ihrer Echtheit tritt demgegenüber in den Hintergrund.

Zu den Fragen: „Hat Jesus wirklich gelebt? Ist er Gottes Sohn?“ erwähnt Werner Gitt mehrere heidnische Schriftsteller – wohl im Blick auf die erste der beiden Fragen (in seinem Buch Fragen – die immer wieder gestellt werdem. 1989, S.21). Und wie behandelt er die zweite Frage? Er verweist darauf, dass sich im Kommen Jesu mehrere atl. Vorhersagen erfüllten: Geburtsort Bethlehem, davidische Abstammungslinie, Gottessohnschaft, 30 Silberlinge, Auferstehung. Der Einwand des Theologen würde hier bei der Erfüllung dieser Vorhersagen ansetzen: Haben sich diese Vorhersagen wirklich so erfüllt, oder wurden bloss die Berichte im Hinblick auf die Vorhersagen entsprechend gestaltet? Doch darauf geht Gitt nicht ein, er beantwortet also nicht die eigentlichen Fragen, sondern andere, setzt er doch die Historizität der ntl. Berichte voraus, ebenso die Richtigkeit von deren geistlichen Urteilen (indem er auf Hebräer 1,5 verweist, wo Jesus als Gottes Sohn bezeichnet wird). Wenn der Fragesteller das alles aber bereits akzeptieren würde, dann hätte er nicht mehr fragen brauchen: „Ist Jesus Gottes Sohn?“

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c) Inspiration der biblischen Texte

Viele Bücher konzentrieren sich mehr auf die Sicherung der Inspiration der Bibel. Beim Heranziehen von Bibelversen, um zur Lehre der Inspiration hinzuführen, wird aber deren Historizität bereits vorausgesetzt. Betrachten wir etwa René Pache Inspiration und Autorität der Bibel (31985). Er zieht von Beginn an wiederholt Aussprüche Jesu heran (etwa S. 6.24f), ohne sich dabei jemals dem Einwand zu stellen, ob nicht Jesus diese Aussprüche vielleicht bloß in den Mund gelegt wurden.

Hier sehen wir bereits einen Einwand gegen diese Vorgehensweise: Es muss vorausgesetzt werden, dass der Gesprächspartner die biblischen Berichte als historisch getreu akzeptiert.

Wird beim Aufstellen der Inspirationslehre nicht überhaupt das, was bewiesen werden soll, vorausgesetzt? Ein Fundamentalist argumentiert: Aufgrund dessen, was Jesus in Mt 5,18 sagt und was die Apostel Paulus in 2. Tim 3,16 und Petrus in 2.Petrus 1,21 schreiben, ergibt sich die Inspiration der Schrift. Darauf ein Skeptiker/Liberaler: Was in Mt 5,18 steht, wurde Jesus erst ein halbes Jahrhundert später in den Mund gelegt, der 2.Timotheusbrief stammt nicht von Paulus, und der 2. Petrusbrief wurde erst mehrere Generationen nach Petrus geschrieben. Nun verlangt der Fundamentalist, dass die Sprecher- und Verfasserangaben der Bibel sämtlich als historisch zu akzeptieren sind; auf den Einwand, dass Paulus vielleicht bloß sein persönliches (pharisäisches?) Schriftverständnis wiedergibt, das sich nicht unbedingt mit Gottes Ansicht decken muss, antwortet der Fundamentalist: „Nein, alles, was die biblischen Verfasser sagen, hat als von Gott gesagt zu gelten.“

Wenn der skeptische Gesprächspartner das alles akzeptiert, dann kann – aufgrund der oben genannten drei Stellen – die Inspirationslehre aufgestellt werden. Aber nun ist eine solche gar nicht mehr nötig, denn das von einer solchen Lehre Ausgesagte hat der Gesprächspartner ohnehin schon im wesentlichen akzeptiert – akzeptieren müssen, schon als Voraussetzung für alles

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weitere. So sehen wir, dass die Inspirationslehre sich bei ihrer Begründung im Kreis dreht – denn alle ihre Aussagen mussten schon akzeptiert werden, bevor die zu ihr hinführenden Verse betrachtet wurden (diese Verse ermöglichen gegenüber dem bereits Vorausgesetzten höchstens noch eine Präzisierung der Inspirationslehre).

Umgekehrt ist auch zu bedenken, dass manche zwar die Inspiration der Bibel bejahen, aber dennoch viele Berichte nicht als historisch einschätzen. Als Beispiel nenne ich Horst Hirschler, Bischof von Hannover, der größten deutschen Landeskirche. In seinem Buch biblisch predigen (21988) behandelt er auch den Matthäus-Abschnitt mit Petrus, wie er auf dem Wasser ging (14,22-33). Bei der Parallele in Markus geht nur Jesus auf dem Wasser, die Geschichte mit Petrus fehlt dort. Wie die meisten Theologen setzt auch Hirschler voraus, dass Matthäus von Markus literarisch abhängig ist. Die von Matthäus vorgenommenen Änderungen beruhen (so Hirschler) nicht auf zusätzlichem Wissen über historische Details, sondern entspringen lediglich seiner persönlichen Aussageabsicht – aber auch dabei kann er ja von Gott inspiriert worden sein, oder? Und so beobachten wir, dass dort, wo die Historizität vieler biblischer Texte verneint wird, der Inspirationsgedanke in einer bestimmten Richtung sehr konsequent vertreten werden kann. Doch verfolgen wir mit Hirschler, was Matthäus mit seiner Vorlage gemacht hat. „Matthäus findet diesen Text nicht ausreichend“ (S. 104). Die Bearbeitung durch Matthäus beeindruckt Hirschler: „Der hat hier ausgezeichnet gearbeitet. Die Markusfassung des Seewandels ist von ihm unter größtmöglicher Beibehaltung aller nur brauchbaren Passagen aufs Sorgfältigste umgearbeitet worden.“ („Umgearbeitet“ – aufgrund genauer Kenntnis des historischen Ablaufs? So meint es Hirschler wohl kaum.) Matthäus schiebt nun den Seewandel des Petrus ein; „Petrus wird nach der Methode `typisch Petrus‘ gestaltet, erst tapfer, dann Versager, dann Hilferuf zu Christus, dann gerettet.“ Gestaltet – von Matthäus. War ihm eine solche Ge-

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schichte von anderswoher überliefert (laut Hirschler unwahrscheinlich), hat er sie aus einer anderen Erzählung „herausgesponnen“ oder überhaupt frei erfunden? (S. 105). Es ist „bei dem Seewandel des Petrus mit großer Wahrscheinlichkeit deutlich, dass sie so nicht passiert ist. Dennoch hat sie einen tiefen Wahrheitsgehalt. Aber auch bei der Markus-Vorlage ist zumindest so viel undeutlich, dass man auf die Frage, ob denn und was da passiert sei, nur sagen kann: Ich weiss es nicht“ (S. 106f).

Ob es sich historisch so abgespielt hat, wissen wir laut Hirschler also nicht; wir können daran unsere Zweifel haben und dennoch an der „Wahrheit“ dieser Erzählung festhalten. Sind solche Texte nun „inspiriert“? Als Hirschler in einem Interview auf die klassische Inspirations-Stelle in 2. Timotheus 3,16 hingewiesen wird, antwortet er: „Das glaube ich auch. Ich bin der Überzeugung, dass Matthäus aus der Eingebung Gottes handelte, als er den Text von Markus, der ihm vorlag, verändert hat, um seinen Lesern in seiner Zeit die Christusbotschaft neu zu sagen.“ (idea-spektrum 1989, Nr. 47, S. 18).

An diesem Beispiel wird deutlich, dass mit dem bloßen Betonen der Inspiration auch noch nicht alles entschieden ist. Wie schon Ernst Lerle sagte: „Man kann sogar der wörtlichen Eingebung der Bibel durch den Heiligen Geist (Verbalinspiration) zustimmen und dabei behaupten, hinter den geistgewirkten biblischen Berichten stehe keine andere Wirklichkeit historischer Abläufe als hinter erbaulichen Legenden.“ (Moderne Theologie unter der Lupe. 1988, S. 22). Auf unser Thema bezogen: Wenn ein Evangelium berichtet, dass Jesus einen bestimmten Ausspruch tat – tat er ihn wirklich, oder wird er ihm nur in den Mund gelegt? Sowohl Vertreter der ersten Ansicht als auch die der zweiten können den Text als „inspiriert“ ansehen. Die Inspirationsvorstellung muss also präzisiert werden – inwiefern sind die biblischen Texte historisch gemeint, wie genau geben sie den historischen Befund wieder? Das sind die entscheidenden Fragen. Je präziser eine Inspirationsvorstellung aber gefasst

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wird, desto mehr entfernt sich ihre Begründung von dem, was in der Bibel direkt ausgesagt wird.

Doch nicht nur bei einem Liberalen besagt die Versicherung, er betrachte die Bibel als inspiriert, nicht viel; auch bei einem Fundamentalisten ist näher zu prüfen, wie er sich das konkret vorstellt, wenn er etwa betont: Die Bibel ist hundertprozentig inspiriert, siehe Jesus: „Kein Jota wird vergehen“ oder Paulus, der auf einem einzigen Buchstaben eine Auslegung aufbaut. Doch was tut er bei konkreten Problemen – etwa gegenüber dem Hinweis auf Widersprüche? Dann heißt es: Der Bericht ist gar nicht exakt so gemeint. So merkt man dann: Auch bei Fundamentalisten wird nicht so heiß gegessen wie gekocht.

Es ist auch zu fragen, ob es der richtige Weg der Evangelisation ist, mit der Grundlegung der Inspirationslehre zu beginnen. Sieht der biblische Weg der Verkündigung des Evangeliums nicht anders aus?

d) … Jesus in den Mund gelegt?

Die eigentlichen, die Worte Jesu betreffenden Behauptungen der historisch-kritischen Theologen werden in evangelikalen Büchern selten angesprochen. Positiv zu erwähnen sind einzelne Gedanken von Clive Staples Lewis, bedenkenswert aufgrund seiner literarhistorischen Kenntnisse und aufgrund seiner Logik (siehe etwa in der Zusammenstellung von Jürgen Spieß: Nach der Wahrheit fragen. Antworten von C.S. Lewis. 1984, S. 57ff 61f).

Auch Arthur Ernest Wilder-Smith hat sich um die Widerlegung der liberalen Theologie bemüht – allerdings mit einem untauglichen Argument: „Die Bibelkritiker … behaupten, dass die Jünger die angeblichen Aussprüche Jesu nach seinem Tod erfunden und sie dann als neutestamentliche Schrift niedergelegt hätten.

Diese Ausrede ist nicht stichhaltig, denn viele der in Frage

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kommenden Aussprüche Jesu aus dem Neuen Testament stammen direkt aus dem Alten Testament. Wenn die NT-Aussprüche erfunden wurden, dann müssen die AT-Aussprüche ebenso erfunden worden sein.“ (Die Zuverlässigkeit der Bibel und christliche Vollmacht. 1984, S. 14.)

Recht ausführlich werden unsere Fragen in So entstand die Bibel … (vonW.J. Ouweneel&WillemJ.J. Glashouwer, 1987) behandelt, und zwar im 8. Kapitel: Bibelkritik am Neuen Testament. Dieses Buch ist seines niedrigen Preises wegen bereits weitverbreitet. Die Bearbeiter haben in diesem Buch zwar eine Menge Daten zusammengestellt, sind aber mit der Materie zu- wenig vertraut, um zuverlässige Informationen liefern zu können. Der Codex entstand erst im 3. Jahrhundert (S. 41)? In Wirklichkeit vielleicht schon im 1., denn das älteste NT-Fragment aus dem Beginn des 2 Jahrhunderts stammt bereits aus einem Kodex (erkennbar an der beidseitigen Beschriftung, während Rollen nur auf einer Seite beschrieben wurden). Die Bibel begann im 2. Jahrhundert n. Chr. „als komplettes Buch zu kursieren“ (S. 41). Was heißt das? Als ein Buch, also alle biblischen Bücher zusammengebunden zwischen zwei Buchdeckel, gab es die Bibel erst ab dem 4.Jahrhundert. Oder ist einfach gemeint: Die Kirche hatte eine genau abgegrenzte Sammlung (mit unseren 39 AT- und 27 NT-Büchern)? Diese Abgrenzung finden wir erst ab etwa 400 n. Chr. Angesichts solcher rein spekulativer Aussagen verwundert es um so mehr, wenn im selben Buch die liberalen Behauptungen immer wieder als spekulativ und absurd kritisiert werden.

Die Liste der Fehler dieses Buches könnte beliebig verlängert werden; einige weitere sind behandelt in Franz Stuhlhofer Die altkirchliche Kanonsgeschichte im Spiegel evangelikaler Literatur, in: Gerhard Maier (Hg.), Der Kanon der Bibel. 1990, S. 165-

197 (dort S. 187-189); dort auch über die Verlässlichkeit von

bereits erwähnten Büchern: des guten Buches von Tenney (S. 178) sowie der schwachen Bücher von Lightfoot, Pache, Little, McDowell und McDowell/Stewart (S. 182-187).

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10. Reaktionen auf Riesner

Rainer Riesners Jesus als Lehrer erlebte sehr unterschiedliche Reaktionen. Allgemein anerkannt wurde sein Kenntnisreichtum, insbesondere bezüglich der theologischen Literatur.

Die Reaktionen auf Riesners Thesen waren jedoch verschieden, abhängig von der theologischen Position des jeweiligen Rezensenten. Beginnen wir die Betrachtung des Spektrums

mit einer fundamentalistischen Reaktion. Dort beobachten wir ein zwiespältiges Echo: Freude darüber, dass hier mittels gründlicher Argumentation eine der eigenen nahestehende Position erreicht wird: „Gegen diese negative Evangelienerklärung bedeutet Riesners Buch einen (hoffentlich) epochemachenden Frontalangriff. Sein Werk bietet einen vorläufigen Höhepunkt in der Auseinandersetzung mit der gängigen Evangelienkritik.“ Aber auch Bedauern, weil an die Stelle einer festen Grundhaltung ein vorsichtiges Abwägen des jeweiligen Befundes tritt: „Bei der in vieler Hinsicht revolutionären Arbeit benutzt der Autor die Mittel der modernen theologischen Wissenschaft. Er widerlegt viele Ergebnisse der historisch-kritischen Theologie, ohne selbst deren Ansatz aufzugeben. Riesner kämpft gewissermaßen mit den Waffen des theologischen ,Gegners‘ und kommt zu einem Sieg nach Punkten…. auch bezüglich der Jesusüberlieferung, für deren Zuverlässigkeit Riesner so engagiert eintritt, rechnet er doch immer wieder mit der Möglichkeit von Unechtheit und Fälschung. Stets argumentiert er rein historisch. “ (Helge Stadelmann, Lehrer an der FTA Gießen, in idea-spektrum 1982, Nr. 18.)

Wie reagiert ein international und in nahezu allen theologischen Lagern anerkannter evangelikaler Theologe auf Riesners Buch? Natürlich positiv und überzeugt, dass Riesner ein wichtiger Schritt gelungen ist: „… er hat zweifellos eine konstruktive und gutbegründete Beweisführung für die Verwurzelung

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der Evangelientradition in der tatsächlichen Lehrtätigkeit des irdischen Jesus geliefert und die Unglaubwürdigkeit und- mitunter – Willkürlichkeit der skeptischen Alternative aufgezeigt.“ (I. Howard Marshall in Journal for the Study of the Neu Testament 1984, 113f. – Ich habe die fremdsprachigen Stellungnahmen ins Deutsche übersetzt.)

Auch konservative Katholiken reagieren anerkennend: Ein „Meilenstein der Forschung“ (Prosper Grech in Augustinianum 1982, 596f), und: „Riesners Schlussfolgerungen gründen sich auf gründliche Methodologie … Es sollte selbstverständlich Bultmanns Skeptizismus bezüglich der Historizität der Aussprüche Jesu wesentlich einschränken.“ Oder: „Riesner ist es geradezu meisterhaft gelungen, seine These eines historisch verlässlichen vorösterlichen Beginns der Evangelientradition als möglich, plausibel, ja sogar als zwingend darzulegen…. Durch Riesner werden sich jene, die in Bezug auf die historische Verlässlichkeit der Evangelienüberlieferungen skeptisch sind, sicherlich veranlaßt sehen, die Grundlagen für ihren Skeptizismus ernsthaft zu überprüfen.“ John P. Heil in Catholic Biblical Quarterly 1983, 702f.)

Die positive Reaktion seitens katholischer Theologen wird vielleicht auch durch Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils begünstigt. Dort hielt die röm.-kath. Kirche „daran fest, dass die vier genannten Evangelien, deren Geschichtlichkeit sie ohne Bedenken bejaht, zuverlässig überliefern, was Jesus, der Sohn Gottes, in seinem Leben unter den Menschen zu deren ewigem Heil wirklich getan und gelehrt hat bis zu dem Tag, da er aufgenommen wurde (vgl. Apg 1,1-2)“ (in der dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung 19). In unserem Zusammenhang ist zweierlei wichtig: Die kath. Kirche bejaht die Geschichtlichkeit der 4 Evangelien ohne Bedenken, und diese Evangelien überliefern zuverlässig, was der irdische Jesus wirklich gelehrt hat. Der Katholik, der Bedenken gegenüber der Geschichtlichkeit des Johannesevangeliums hat oder der meint, dass eine Mehrzahl von Jesusworten diesem bloß

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nachträglich in den Mund gelegt wurde, muss sich fragen (lassen), ob er nicht schon den Boden des Zweiten Vatikanums verlassen hat.

In meiner Zusammenfassung (siehe unten) versuche ich, die Tätigkeit der ntl. Autoren mit den Schlagworten „Bewahren und Erklären“ zu erfassen. Das Zitat aus dem 2. Vatikanum betonte das Bewahren; der weitere Text erwähnt aber auch noch das Erklären: „Die Apostel haben nach der Auffahrt des Herrn das, was er selbst gesagt und getan hatte, ihren Hörern mit jenem volleren Verständnis überliefert, das ihnen aus der Erfahrung der Verherrlichung Christi und aus dem Licht des Geistes der Wahrheit zufloß. Die biblischen Verfasser aber haben die vier Evangelien redigiert, indem sie einiges aus dem vielen auswählten, das mündlich oder auch schon schriftlich überliefert war, indem sie anderes zu Überblicken zusammenzogen oder im Hinblick auf die Lage in den Kirchen verdeutlichten…“

Soweit ein kleiner Seitenblick auf das 2. Vatikanum. Bei „gemäßigt kritischen“ Theologen finden sich auch ablehnende Töne – wie bei Rudolf Schnackenburg: „Man wird ständig zwischen Zustimmung und Widerspruch hin- und hergerissen“; u.a. anerkennt er aber doch: „die kritischen hermeneutischen Anfragen an die bisherige Forschung (bes. die Formgeschichte) bleiben zweifellos ein großes Verdienst“ (Biblische Zeitschrift 1985, 134).

Auch Werner Georg Kümmel hat Vorbehalte, er spürt in Riesners Untersuchung eine „apologetische Grundtendenz“. Sein Urteil: „Riesners Bemühen, einer skeptischen Haltung gegenüber der synoptischen Tradition durch den Hinweis auf bewahrende Momente bei der Weitergabe der Verkündigung Jesu zu begegnen, wird mit mancherlei überzeugenden Argumenten, aber auch mit einer großen Zahl fragwürdiger Thesen und problematischer Exegesen begründet“ (Theologische Rundschau 1988, 241-244).

Sind „gemäßigt kritische“ Theologen noch hin und her gerissen, sehen Positives und Negatives, können „scharf kriti-

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sche“ Theologen für Riesners Buch überhaupt kein Verständnis aufbringen. Walter Schmithals meint, dass Riesners Entwurf „mehr auf allgemeinen Überlegungen als auf präziser Textanalyse“ aufbaut (Reformierte Kirchenzeitung 1983, 136).

Im Gefolge von Karl Barth wird die Historizität der biblischen Ereignisse unwichtig. Riesners Bemühungen werden dann schon im Ansatz abgelehnt, man sieht ihn auf „einem evangelikal-positivistischen Holzweg“. Riesners Schlußfolgerung, dass wir „die synoptische Tradition mit der berechtigten Hoffnung befragen“ dürfen, „dass sie uns darüber Auskunft geben kann, wer Jesus war und was er wollte“, kann dann Entsetzen auslösen: „Ich empfinde einen solchen Satz als brutal. Wie schrecklich weit ist das entfernt von jenem `niemand kennt den Sohn denn nur der Vater‘ (Mt.11,27)!“ (Dieter Nestle in Deutsches Pfarrerblatt 1984, 261f.)

Die meisten Urteile über Riesner ergeben sich also aus der Nähe bzw. Ferne des Rezensenten zu Riesners Position. Mitunter scheint es aber auch vorzukommen, dass Riesners Buch ein Anstoß zum Umdenken wird. Franz Mußner deutet das im Hinblick auf seine eigene Person an: „Wer die Mühe nicht scheut, sich durch die 614 Seiten… des gelehrten Werkes durchzuarbeiten, wird nicht bloß reich belehrt, sondern auch nachdenklich, ob die Skepsis gegenüber der ,Echtheit‘ der Jesusüberlieferung in den synoptischen Evangelien wirklich berechtigt ist. Riesner geht weithin einen anderen Weg als den, der in den letzten Jahren von Exegeten, auch vom Rezensenten, bei der ,Rückfrage nach Jesus‘ eingeschlagen worden ist.“ (Biblische Zeitschrift 1983, 276).

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11. Widersprüche zwischen den Evangelien?

„Die Evangelien widersprechen einander in vielen Angaben. Das zeigt, dass sie nicht als verlässliche Geschichtsberichte zu betrachten sind.“

Widersprüche in der Bibel? Ein brisantes Thema, das auch die These von der Irrtumslosigkeit der Bibel berührt. Durch die darum geführten Auseinandersetzungen ist die Vorstellung von „Widersprüchen in der Bibel“ belastet. Daher umgehe ich diesen Begriff und spreche statt dessen von einer Asymphonie überall dort, wo etwas nicht ganz harmonisch zusammenzustimmen scheint.

Als Bibelleser sollten wir eine solche Asymphonie nicht als unangenehme Verunsicherung betrachten, die möglichst rasch durch eine Harmonisierung zu beseitigen sei; vielmehr als einen Hinweis auf die Grenzen der historischen Genauigkeit biblischer Texte.

Auch der Fundamentalist gibt zu, dass uns in den Evangelien viele Aussagen entgegentreten, die wir nicht als genaue Darstellung auffassen dürfen. Zwei kurze Beispiele. Mt 26,18 sagt über Jesus: „Er antwortete: ,Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: …'“ Auch wenn es wie ein wörtliches Zitat klingt, ist doch anzunehmen, dass Jesus nicht wirklich sagte „zu dem und dem“, sondern die betreffende Person genauer angab. Und in Markus 1,2f lesen wir: „Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten …“ Nach dieser Einleitung hätte man eigentlich ein Zitat aus Jesaja erwartet – in Wirklichkeit wird zuerst Maleachi zitiert und erst danach Jesaja.

Das alles braucht uns keinesfalls zu stören – das für uns

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Nötige erfahren wir hinreichend deutlich. Doch jedenfalls müssen wir mit Ungenauigkeiten rechnen. Wenn wir etwa in Mt 8,5 davon lesen, dass der Hauptmann von Kafarnaum an Jesus herantrat und ihn bat: „Herr, mein Diener…“ – können wir uns dann darauf verlassen, dass sich das wirklich genau so abgespielt hat? Nein, wenn wir die Parallele in Lukas (7,1-10) ernst nehmen, glauben wir eher, dass der Hauptmann gar nicht persönlich mit Jesus gesprochen hat, sondern seinen Wunsch durch Boten übermitteln ließ. Matthäus hat die Geschichte kürzer gefaßt.

Mit Hilfe einer „Evangelien-Synopse“ lassen sich Unterschiede dieser Art besonders deutlich erkennen. Doch gerade bei einem solchen Vergleich fällt etwas auf:

Die synoptischen Gespräche sind in der Regel ganz auf jenen Ausspruch konzentriert, mit dem Jesus eine Streitfrage entscheidet. Bei diesen Aussprüchen weisen die Synoptiker eine beträchtliche Wortübereinstimmung auf, während diese Übereinstimmung beim Rahmen wesentlich geringer ist. Das zeigt, dass bei jenem entscheidenden Ausspruch Jesu das besondere konservierende Interesse der Tradenten lag. Daneben wurden auch die Worte von Jesu Gesprächspartnern sehr einheitlich überliefert.

Das kann man ganz allgemein feststellen: Während es in den Einzelheiten durchaus Verschiedenheiten gibt, stimmen doch die wesentlichen Lehraussagen überein. So verunsichernd diese Verschiedenheiten auch manchmal wirken mögen, können sie doch gleichzeitig als Indiz dafür gewertet werden, daß nicht versucht wurde, die Berichte einander anzupassen und Unterschiede zu glätten.

Die Verschiedenheiten sollten uns auch die Gemeinsamkeiten nicht übersehen lassen. Wer zum ersten Mal die vier Evangelien durchliest, wird durchaus das Empfinden haben, eine einheitliche Botschaft vor sich zu haben. Auf die Unterschiede wird er erst bei genauen Vergleichen aufmerksam.

Bei der Diskussion, ob es zwischen den Evangelien (oder all-

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gemein in der Bibel) Widersprüche gibt, ist auch ein methodischer Grundsatz zu bedenken. In amerikanischer fundamentalistischer Literatur wird oft betont, dass es noch nie jemandem gelungen sei, einen Widerspruch in der Bibel nachzuweisen. Wer so die Widerspruchsfreiheit behauptet, muss aber auch dazusagen, was er als Nachweis eines „Widerspruches“ gelten lassen würde. Denn prinzipiell kann ich im empirischen Bereich jeden Widerspruch dadurch beseitigen, dass ich Zusatzannahmen einführe. Ein Ereignis wird unterschiedlich geschildert? Vielleicht handelt es sich um zwei verschiedene Ereignisse. Eine Person heißt hier so, dort anders? Vielleicht hatte diese Person zwei Namen. Und so weiter. Widersprüche nachweisen kann man nur in der Mathematik, wo die einzelnen Objekte zuvor eindeutig definiert wurden. Solche eindeutigen Definitionen haben wir aber in den biblischen Texten nicht. Deshalb wird man auch – unabhängig davon, ob es wirklich Widersprüche gibt oder nicht – jeden Anschein eines Widerspruches durch ad-hoc-Annahmen beseitigen können.

Um das noch anschaulicher zu machen, betrachten wir ein Beispiel aus dem Koran. Mohammed hatte Maria, die Mutter Jesu, und Mirjam, die Schwester des Mose, miteinander ver- wechselt, so dass im Koran von Maria (der Mutter Jesu) gesagt wird, dass ihr Vater Amran hieß (Sure 3,36f) und ihr Bruder Aaron (Sure 19,29.54). Die Sache ist wohl für jeden Historiker klar, aber nicht für jeden Moslem: „Vielleicht hatte Maria einen Bruder namens Aaron?“ „Vielleicht hieß ihr Vater eben Amran?“ Selbst wenn in der Bibel ein konkreter Name des Vaters Marias angegeben wäre (im apokryphen Protevangelium des Jakobus aus dem 2.Jh. heißt er Joachim), könnte man doch sagen: „Vielleicht hatte er noch einen zweiten Namen, eben Amran.“

Literatur dazu: Riesner 405.

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Zusammenfassung

Was ergibt sich aus dem hier Dargelegten? Man könnte es durch die beiden Begriffe „Bewahrung und Erklärung“ fassen. Bewahrung: Was der irdische Jesus sagte, wurde bewahrt (durch behältliche Formulierung, durch Auswendiglernen und durch frühes Niederschreiben). Erklärug: Das solcherart Bewahrte wird erklärt, d.h. übersetzt (vom Aramäischen ins Griechische), interpretiert, mit erläuternden Zusätzen versehen.

Die Betonung liegt dabei auf dem ersten Faktor, auf dem Bewahren. Hierbei geht es um Konstanz, Stabilität. Beim zweiten Faktor, beim Erklären, treffen die daran beteiligten Menschen durchaus auch eigene Entscheidungen. Es kommt dabei (allerdings nicht in sehr großem Ausmaß) auch zu Veränderungen, es kann dabei auch zu Umdeutungen kommen.

Dazu einige Beispiele. Jesu Schüler forderten diesen auf: „Herr, lehre uns beten.“ (Lk 11,1). Daraufhin gibt ihnen Jesus das sog. „Vaterunser“. Rainer Riesner schließt aus der Mehrzahl-Form der Bitten („vergib uns …“), dass dieses Gebet gemeinsam gebetet werden sollte; um ein solches gemeinsames Beten zu ermöglichen, mußte es von allen Teilnehmern (auswendig)gelernt werden. Doch die von Matthäus und von Lukas gebotenen Fassungen weichen voneinander ab – bestand also doch kein Interesse am Auswendiglernen eines bestimmten Textes? Wo Lukas sich mit der Anrede „Vater“ begnügt, hat Matthäus „unser Vater, der in den Himmeln“. Riesner dazu: „Aus liturgischen Gründen wurde in Mt 6,9 die Gottesanrede in feierlicher Form erweitert.“

Außerdem findet man bei Matthäus zwei zusätzliche Bitten:

Erstens: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden“ (vgl. dazu Jesus in Gethsemane: „Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ – Lk 22,42).

Und zweitens: „Errette uns von dem Bösen“ (vgl. dazu Jesus

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im sog. „hohenpriesterlichen Gebet“: „Ich bitte …, dass du sie bewahrst vor dem Bösen“-Joh 17,15).

Riesner dazu: „Die beiden überschießenden matthäischen Bitten sind in ähnlicher Weise als Gebete Jesu am Passionsabend berichtet und offensichtlich mit der Absicht eingefügt, sich möglichst umfassend am Beten Jesu zu orientieren.“

Das wäre also ein Beispiel für das Erklären seitens des Evangelisten. Der Hinweis darauf ist für beide „Fronten“ wichtig: Einerseits für Bibelleser, die mit einer wortwörtlichen Wiedergabe der Reden Jesu rechnen – hier gilt es, realistisch zu sein. Andererseits für Kritiker Riesners oder Gerhardssons, die glaubten, deren Vorstellung von auswendiglernenden Schü- lern Jesu durch einen Hinweis auf Differenzen zwischen den Synoptikern abtun zu können. Vor dem Kritisieren sollte die genaue Gestalt der Vorstellung Gerhardssons/Riesners zur Kenntnis genommen werden.

Denn auch Gerhardsson rechnet mit dem Erklären: „Wir beobachten in den synoptischen Evangelien, daß die Jesustraditionen im Verlauf der Überlieferung bearbeitet wurden, dass Verkürzungen und Zusätze gemacht wurden, die zum Ziel hatten, den Sinn zu verdeutlichen.“ So sieht er Paulus in 1.Korinther 15 den wichtigen Auferstehungs-Text wiederholen, betrachtet dabei aber den Vers 6 „von denen die meisten noch leben, während einige entschlafen sind“ als einen Einschub.

Diese beiden Faktoren finden wir auch bei den weiteren Schritten. Beim Abschreiben gibt es gleichfalls primär Bewahrung, aber auch Veränderung (absichtliches Erläutern oder vermeintliches Richtigstellen, unabsichtliche Abschreibfehler). Und bei der Kanonsbildung sehen wir ebenfalls primär Bewahrung (die von Anfang an vorhandenen und anerkannten Bücher werden bestätigt), aber auch ein aktives Klarstellen kirchlicher Instanzen, wo die- bis zum Ende des 4. Jh. so noch nicht definierte – Grenze zwischen kirchlichen und häretischen Büchern liegt. Diese beiden Faktoren sind also beim Stoff einer

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„Einleitung ins Neue Testament“ zu berücksichtigen, sowohl bei der Speziellen Einleitung, als auch bei den beiden Teilen der Allgemeinen Einleitung: Textgeschichte und Kanonsgeschichte.

Der zweite Faktor bedeutet natürlich auch eine gewisse Unsicherheit. Manche Christen hätten diese gerne ausgeschaltet: Gott selbst hätte die Bibel schreiben sollen, auch selbst (fehlerlos natürlich!) abschreiben und dann auch selbst übersetzen – und natürlich auch selbst den Kanon dekretieren. Damit wären alle Unsicherheiten ausgeschaltet. Jedenfalls hat Gott das nicht getan. Und es ist auch ein Missverständnis zu glauben, durch das Fixieren bestimmter Worte alleine wäre auch schon das richtige Verständnis gesichert. Gott hätte uns dann auch noch mit einem eigenhändig geschriebenen Kommentar versehen müssen, und – nachdem Meinungsverschiedenheiten über die Bedeutung mancher Stellen im Kommentar aufbrechen – noch mit einem weiteren Kommentar, nämlich einem Kommentar zum Kommentar … Und so weiter, ad infinitum. Das Bewahren bestimmter Worte ist ein wichtiger Faktor, aber das alleine schließt Missverständnisse auch noch nicht aus. Umgekehrt kann der mitwirkende Heilige Geist auch durch mit Unsicherheiten umgebene Texte das richtige Verständnis erschließen.

Literatur dazu: Riesner 446. – Birger Gerhardsson, Die Anfänge der Evangelientradition (1977), S. 30f. 56-63.

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Mit freundlicher Genehmigung des Herrn Franz Graf-Stuhlhofer.

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