Jesu Schüler (3)

 

4. Propheten und Enthusiasten

a) Das Ende ist nahe

„Das junge Christentum war eine enthusiastische Bewegung, die das
baldige Kommen des Endes erwartete. Es war deshalb von vornherein nicht darauf ausgerichtet, Worte und Taten Jesu schriftlich zu fixieren, um  sie späteren Generationen überliefern zu können. “ 

Dass die ersten Christen in einer starken Naherwartung lebten, läßt
sich etwa in den Briefen des Paulus erkennen. Diese Erwartung hat aber Paulus nicht davon abgehalten, lange, überlegte Briefe zu schreiben.
Zum Vergleich: Die beiden längsten Paulus-Briefe, Römer und
1. Korinther, sind jeweils halb so lang wie das Markusevangelium oder  das Johannesevangelium.

Die Naherwartung wird an mehreren Stellen dieser  Briefe sichtbar. In Römer 13,12 heißt es: „Die Nacht ist weit
vorgerückt, und der Tag ist nahe.“ In 1. Kor 1,7f: „… während
ihr das Offenbarwerden unseres Herrn Jesus Christus erwartet, der euch  auch befestigen wird bis ans Ende, daß ihr untadelig seid am Tag  unseres Herrn Jesus Christus“. Angesichts dessen, dass die noch verbleibende  Zeit kurz ist (1. Kor 7,29.31), rät Paulus zu einer entsprechenden  Einstellung.

Paulus schrieb seine Briefe vermutlich ohne die
Erwartung sehr häufiger Lesung. So sind ja auch eine Reihe seiner
Briefe, vor allem die aus seiner 1. Wirkungshälfte, verlorengegangen
(vermutlich hat er schon vor ca. 50 n. Chr. Briefe geschrieben). Paulus  nahm also die Mühe des Verfassens längerer Texte auf sich, auch  wenn er seitens der Empfänger nur an eine einmalige Lesung dachte  (oder an einige wenige Male).

Auch in den Evangelien finden wir Naherwartung
– zur Zeit ihrer Niederschrift standen die Christen in dieser Erwartung

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und schrieben dennoch die Evangelien. Die Naherwartung sehen wir etwa  in Mt 10,23; 16,28; 24, 34.

Auch in der Offenbarung des Johannes finden  wir Naherwartung: „Die Zeit ist nahe“ lesen wir am Beginn (1,3) und am  Ende (22,10). Trotzdem wurde sie geschrieben; in einer Länge, die  fast an den Umfang des Markusevangeliums heranreicht.

Naherwartung finden wir auch bei den Essenern,  die überzeugt waren, in der Endzeit zu leben. Die Funde ihrer Schriften  in Qumran am Toten Meer zeigen aber, daß dort enorm viel geschrieben
wurde – etwa 8oo Texte blieben zumindest fragmentarisch erhalten. Wenn  wir den Umfang vergleichen: Die umfangreiche Hymnenrolle läßt  sich mit dem Markusevangelium vergleichen, andere Schriften (wie SektenregelDamaskus- Schrift oder Kriegsrolle) entsprechen etwa dem  halben Markusevangelium.

Wir sehen auch hier, daß eine starke Naherwartung  und reiche literarische Produktion einander nicht ausschließen.
Allerdings gelten zwei Einschränkungen: Die Essener hegten ihre Naherwartung  seit ihren Anfängen im 2.Jh. v. Chr. – im Laufe der Jahrzehnte mußten  sie die offensichtliche „Verzögerung“ zur Kenntnis nehmen. Wenn einmal  mehrere Jahrzehnte vergangen sind, ist es naheliegend, mit der Möglichkeit  weiterer Jahrzehnte zu rechnen; dann erscheint aber auch literarische  Produktion durchaus sinnvoll. Wurden die Qumrantexte zum Großteil
erst in späteren Jahrzehnten geschrieben, oder begleitete die intensive  literarische Produktion diese Gemeinschaft von ihren Anfängen an?
Von einem Text wissen wir, daß er früh geschrieben wurde: Ein
Brief des Lehrers der Gerechtigkeit, geschrieben noch vor dem endgültigen  Bruch der Gemeinschaft mit der religiösen Führung in Jerusalem.  In der 4. Höhle wurden davon einige (noch unedierte) fragmentarische  Abschriften gefunden.

Und noch ein zweites: Die Essener rechneten mit  einem 40 Jahre dauernden eschatologischen Krieg, erst danach sollte Gottes
Gericht kommen (geschildert vor allem in der Kriegs

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rolle). Schon allein im Hinblick auf diese 40 Jahre mag die Niederschrift  von Texten sinnvoll erschienen sein.

Bei „Naherwartung“ ist auch zu differenzieren:
Daß eine Naherwartung im Sinne von „Jesus kommt nach einigen Wochen  oder Monaten“ falsch war, wurde ja schnell bewußt – eben nach Verstreichen  dieser Zeit. Wobei ein Niederschreiben kürzerer Texte – etwa der  Passionsgeschichte – auch dann sinnvoll schien, wenn man nur mit einigen  Monaten gerechnet hatte. Gibt es einen Hinweis darauf, dass es sich um  eine Naherwartung im Sinne von „innerhalb weniger Jahre ist es soweit“  handelte? Diese Haltung könnte ein Hindernis dafür darstellen,  umfangreichere Bücher (wie Mt oder Lk) zu verfassen (aber kein  Hindernis für die Niederschrift kürzerer Texte wie die synoptischen  Perikopen). Oder war es lediglich eine Naherwartung: „Wir werden es noch  erleben“ (= es kann auch einige Jahrzehnte dauern)? Eine solche Erwartung
würde überhaupt keine Hemmung bedeuten, um Inhalte niederzuschreiben.

Es ist auch zu bedenken, wie kurz die irdische  Wirkungszeit Jesu eigentlich war. Vor allem wenn man – wie viele Theologen
– annimmt, daß die 3-Jahres-Angabe bei Johannes nicht als historisch  zu nehmen ist, daher eher von den Synoptikern auszugehen ist, bei denen  man die Vorstellung von nur einem Jahr bekommen könnte. Versetzen  wir uns in die Lage der Anhänger Jesu zurück: Diese waren ein Jahr lang mit Jesus gegangen, waren von ihm  fasziniert, hofften auf große Veränderungen, die er herbeiführen  werde. Nun sagt er zu ihnen: „Ich gehe kurz mal einen Sprung weg, komme  aber gleich wieder.“Wieviel Zeit muß vergehen, bis die Anhänger  merken: „Ganz so schnell geht es doch nicht?“ Schon einige Monate werden  ihnen lange vorkommen; sobald der Zeitraum, den sie mit Jesus verbracht  hatten (1 Jahr?), seither nochmals vergangen war, mußten sie bereits  das Empfinden der Parusieverzögerung haben. Nach einigen wenigen  Jahren ist ihnen klar (abgesehen von der Möglichkeit, daß sie  überhaupt enttäuscht resignieren): Die Wartezeit kann auch noch
wesentlich länger dauern,

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wir haben keine Garantie, ja nicht einmal einen Hinweis darauf, dass
es von jetzt an nur noch ein paar Monate dauern werde. Bei dieser Erkenntnis  – die also spätestens nach wenigen Jahren kam – steht aber  einem Niederschreiben auch längerer Texte nichts mehr im Wege.

Wenn Jesu Anhänger es als ihre Aufgabe ansahen,  das Evangelium zu verbreiten, so konnten sie keine Wiederkunft Jesu innerhalb  weniger Wochen erwartet haben. Insbesondere eine über Palästina  hinausgehende Mission beansprucht Jahre oder gar Jahrzehnte – das muss  ihnen bewußt gewesen sein. Und wenn sie auf einen zumindest einige  Jahre währenden Zeitraum eingestellt waren, gab es sicher kein Hindernis  für die Niederschrift auch längerer Texte.

Die Frage ist also: Sahen Jesu Anhänger  die Mission als ihre Aufgabe an? Selbst wenn man den Missionsbefehl (in  Mt 28,19f oder Apg 1,8) nicht auf Jesus selbst zurückführt,  spricht doch sehr viel dafür, daß Jesu Anhänger ihre Aufgabe  so sahen. Daß sie intensiv missioniert haben (bald auch über  Palästina hinaus), ergibt sich – selbst wenn man von der Apg absehen  will – allein schon aus dem Missionserfolg, der auch von heidnischen Quellen  bestätigt wird. Man könnte auch noch eine Reihe von Einzelhinweisen
anführen (etwa Mk 13,10 oder 14,9), die zeigen, wie stark im frühen
Christentum diese Vorstellung vorhanden war.

Aus welchem Grund kann jemand etwas niederschreiben?
Betrachten wir wieder die Bibel der frühen Christen, das AT. In den
dortigen Schreibbefehlen finden wir dreierlei Zweck für ein Aufschreiben:

1. Für spätere Generationen (z.B. Ps  102,19; wohl auch Jer 30,2f). Dieser Zweck würde bei Christen, die  in einer starken Naherwartung leben, natürlich wegfallen.

2. Zum Einprägen und sich daran Erinnern,  z.B. 5. Mose 6,6-9: „Diese Worte sollen auf deinem Herzen geschrieben  stehen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen
reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der

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Straße gehst … Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses
und in deine Stadttore schreiben.“

Dieses sich selbst und seinen Angehörigen  ständig Vergegenwärtigen der Gedanken Gottes muß auch  den frühen Christen, von allem Anfang an, genauso sinnvoll erschienen
sein.

3. Zur Verkündigung – diese ist eigentlich  auch schon im vorigen Abschnitt mitenthalten. Siehe auch die Schreibtafeln  Jes 8,1 und Hab 2,2) oder Hesekiels Hölzer (37,16); in diesen Beispielen
geht es allerdings eher um demonstrative Unterstützung einer verkündigten  Botschaft, nicht um das Festhalten einer ausführlichen Botschaft.

Literatur zur Naherwartung: Riesner 496f. – Zu den Paulusbriefen
vor 50:Werner Georg Kümmel, Einleitung in das Neue Testament
(201980), S. 216.

b) Der „Sitz im Leben“ der ersten

Christenversammlung

„Was in den Evangelien als von Jesus gesprochenes Wort berichtet wird,
geht nur zum Teil auf Jesus selbst zurück. In den meisten Fällen
nämlich handelt es sich um Worte, die in den Jahrzehnten nach Jesu
Wirken im Rahmen des Gemeindelebens gebildet wurden; d.h. die christliche  Urgemeinde bemühte sich, ihre eigenen Antworten auf in konkreten  Situationen aufgebrochene neue Fragen auf Jesus zurückzuführen,  und gab zu diesem Zweck eigene Überzeugungen, Deutungen und Eingebungen  als „Jesusworte“ aus. Um also ein solches sogenanntes „Jesuswort“ richtig  zu verstehen, muß man herausfinden, wo sein „Sitz im Leben“ der  urchristlichen Gemeinde war.“

Diese Annahme würde voraussetzen, dass die Urgemeinde, in deren
Kreisen die Evangelien verfaßt wurden, keinen besonderen Unterschied  gemacht hat zwischen der Zeit, als Jesus noch

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körperlich und für alle sichtbar unter ihnen war und der Zeit
danach, also der Zeit nach Jesu Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt.
Da die Auferstehung, also Ostern, der wesentliche Scheidepunkt ist, bezeichne  ich im folgenden die beiden Zeiträume als „vorösterlich“ bzw.  „nachösterlich“. Wenn sich bei einer näheren Betrachtung des
NT aber herausstellt, daß die Verfasser der Evangelien und des übrigen  NT sehr stark unterschieden haben zwischen „vorösterlich“ und „nachösterlich“,  so würde das gegen die Möglichkeit solcher nachträglichen  Gemeindebildungen sprechen.

Es zeigt sich nun, daß die Berichte vieler  Ereignisse und Aussprüche in den Evangelien begleitet werden von  der Angabe von Kennzeichen, die nur für die Zeit vor Ostern  zutreffen. Ich nenne sieben solcher vorösterlicher Kennzeichen:

1. In den Evangelien wird immer wieder hervorgehoben,
daß die Jünger vieles an den Worten und Taten Jesu nicht verstanden
– das ist etwas für die Zeit vor Ostern Typisches. Das Johannesevangelium  schaltet oft Hinweise darauf ein, wie ein Ausspruch Jesu nach Jesu Auferstehung  entweder sich erfüllt hat oder von den Jüngern verstanden worden  ist (2,22; 7,39; 12,16). Und auch in den Aussprüchen Jesu selbst  finden wir ausdrückliche Hinweise auf die Zeit nach Jesu Weggang  (Joh 12,32; 16,12f.23f). Auch das zeigt, dass man im frühen Christentum  durchaus geschichtlich denken konnte und den Abstand zwischen vor- und
nachösterlicher Zeit sah.

2. In der Zeit, in der die Evangelisten schreiben,  sind Petrus, Jakobus und Johannes, ja das ganze Kollegium „der Zwölf“
bekannte Männer in der Kirche. Man spricht mit Ehrfurcht von ihnen,  und man erzählt von ihrem Geist und ihrer Kraft (Apg 2,43; 4,31;  5,15). Aber wo die Evangelisten Jesu irdische Wirksamkeit schildern, beschreiben  sie Petrus und Jakobus und Johannes und das ganze Kollegium „der Zwölf“  nicht als große Männer, sondern als auffallend schwach, unwissend,  unverständig und unreif (Petrus verleugnete Jesus, Jesu Bruder Jakobus  glaubte überhaupt nicht an ihn …).

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Zwar werden auch deren „nachösterliche“ Fehler nicht verheimlicht,
doch hinterlassen sie einen wesentlich besseren Gesamteindruck.

Es spricht für die Ehrlichkeit und Sachlichkeit  des jungen Christentums, daß es sich der Fehlbarkeit seiner Führer  voll bewußt war. Jedenfalls konnte es klar unterscheiden zwischen
der Gegenwart, wo Petrus, Jakobus und andere Jünger „Säulen“
waren, und der Zeit davor, wo in der Nähe zu Jesus manche gravierende  Fehler deutlich wurden und sie zu lernen begannen, diese abzulegen.

3. Als der „irdische“, der „vorösterliche“  Jesus seine Jünger aussandte, befahl er ihnen, sich auf Israeliten  zu beschränken und nicht zu Heiden oder Samaritanern zu gehen (Mt  10,5f). Das gleiche Evangelium berichtet, daß der auferstandene,  der „nachösterliche“ Jesus die Mission der ganzen Welt anordnete  (28,18-20). In Übereinstimmung mit diesem Weltmissionsbefehl sehen
wir in der Apostelgeschichte des Lukas, dass die Heidenmission seit den  Anfängen der Urgemeinde eine große Rolle spielte. Wir beobachten  hier also zwei deutlich voneinander unterschiedene Zeitabschnitte: vor  Ostern einerseits (nur Judenmission) und nach Ostern andererseits (auch  Heidenmission). Die nachösterliche Situation wird keineswegs in die  Zeit vor Ostern zurückverlegt.

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4. In der Apostelgeschichte lesen wir von einer
Reihe wichtiger Praktiken und Fragen: etwa von der Taufe, die von der  Urgemeinde von Beginn an praktiziert wurde (2,41) – doch kein Wort des  „vorösterlichen“ Jesus gebietet die Taufe. Die Themen „Beschneidung“  oder „Zungenreden“ beschäftigten die urchristlichen Gemeinden überaus  stark (vgl. Apg, 1. Kor, Gal) – dennoch wurde nicht versucht, dem „vorösterlichen“  Jesus auf diese Themen bezügliche Aussprüche in den Mund zu  legen. Alles, was wir in den Evangelien darüber finden, sind kurze  Erwähnungen durch den „nachösterlichen“, aber noch nicht in  den Himmel aufgefahrenen Jesus. Und auch diese nur kurzen Erwähnungen
so wichtiger Themen finden sich jeweils

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nur bei einem einzigen Evangelium: über die Taufe bei Matthäus
(28,19) und über das Zungenreden bei Markus (16,17).

„Es ist im Grunde erstaunlich, wie wenig die  ,Bedürfnisse‘ der Gemeinden, wie wir sie aus den neutestamentlichen  Briefen kennen, in den synoptischen Evangelien hervortreten. Oft muss
man sie gewaltsam in die synoptischen Texte hineinlesen“ (Martin Hengel).

5. Die Gleichnisse Jesu spiegeln weithin jene  sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten wider, die typisch waren für
das ländliche Galiläa, obwohl die Urgemeinde ihr erstes Zentrum
in Jerusalem hatte und die Mission des 1.Jahrhunderts fast ausschließlich  die hellenisierten Städte erreichte (z.B. Antiochien). Wären  die sogenannten „Worte Jesu“ hauptsächlich spätere Gemeindebildungen,  dann wäre in den Gleichnissen eher ein großstädtischer,  hellenistischer Hintergrund zu erwarten.

6. Von den Jüngern heißt es, daß  sie Jesus „nachfolgten“. Dieser Begriff (nachfolgen = griech. akoluthéo)  wird nur für die Begleiter des irdischen, des „vorösterlichen“  Jesus verwendet (mit einer einzigen Ausnahme: Offb 14,4). Dieser der Zeit  vor Ostern eigene Sprachgebrauch deutet ebenfalls daraufhin, dass man  diese Zeit als etwas Besonderes, Einmaliges ansah.

7. Jesu Körper wird vor seinem Leiden noch
gesalbt – mit einem Salböl, das so teuer war (etwa ein Jahresgehalt!),
dass das Empfinden, es handle sich um eine Verschwendung, durchaus verständlich  ist. Eine solche irdische Aufmerksamkeit kann natürlich nur dem „vorösterlichen“  Jesus zugewandt werden; der irdische Jesus wurde noch zur Zeit der Niederschrift
aller Evangelien (alle 4 enthalten diesen Bericht) so wichtig genommen,  daß die einmalige Chance, an diesem Irdischen Gutes zu tun, auch  einen noch so hohen Aufwand rechtfertigt.

Literatur zum Jünger-Unverständnis: Riesner 31. – Zum
Ansehen der Zwölf: Birger Gerhardsson, Die Anfänge der Evangelientradition  (1977), S. 32-34.44f. – Zur Heidenmission: Riesner

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37.421. – Zu Gemeinde-Bedürfnissen: 37.421 und Martin Hengel, Zur  urchristlichen Geschichtsschreibung (21984), S. 29. – Zu
Gleichnissen: Riesner 94. – Zum Nachfolgen: 421f.

c) Die wunderbare Worte-Jesu-Vermehrung

„Diese enthusiastische Bewegung wußte sich so sehr im Besitz
des Geistes Jesu, daß sie keinen besonderen Unterschied machte zwischen  Worten des ,irdischen‘ und solchen des ,erhöhten‘ Jesus; d.h. es
war gleichgültig, ob Jesus sie während seines Erdenlebens vor
Ohren- und Augenzeugen gesagt hatte oder ob sie nach Jesu Himmelfahrt  von Propheten aufgrund von Eingebungen des Heiligen Geistes verkündet  wurden – beides ging ja letztlich auf Jesus zurück. „

Wir haben es hier mit einer grundsätzlichen Frage zu tun: Inwieweit
spielten für die junge Bewegung präzise Lehr-Inhalte  eine Rolle? Die Annahme, dass die von christlichen Propheten verkündeten
Worte ohne weiteres mit den Worten des „irdischen“ Jesus gleichgestellt  wurden, kann man kurz als Propheten-Hypothese bezeichnen. Gegen  diese Hypothese spricht:

Erstens die im Zusammenhang mit dem „Sitz im Leben“ besprochene Unterscheidung  zwischen der Zeit vor Ostern und der Zeit danach. Eine solche bewusste  Unterscheidung erschwert die völlige Gleichstellung von „vorösterlichen“  Worten Jesu (solchen Worten, die der irdische Jesus vor Augenzeugen gesprochen  hatte) einerseits und nachösterlichen Worten Jesu (solchen Worten,
die ein urchristlicher Prophet unter Berufung auf Jesu Geist gesprochen  hatte) andererseits.

Zweitens: Gemäß der Propheten-Hypothese wäre zu erwarten,
daß die Propheten die führende Stellung in der Urgemeinde
einnahmen. Warum? Halten wir uns einmal vor Augen, wie die

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frühe Kirchengeschichte gemäß der Propheten-Hypothese
ausgesehen hätte: Nach Jesu Himmelfahrt erinnerte man sich noch an  einige (eher wenige!) Aussprüche Jesu. Bei vielen neuen Fragen wußte  man nicht, wie Jesus darüber dachte. In solchen Fällen fragte
die Gemeinde ihren erhöhten Herrn Jesus, den man sich in Gottes himmlischer  Welt vorstellte. Die Antworten Jesu wurden durch den Mund der Propheten  gegeben, d.h. diese Propheten stellten das Sprachrohr Gottes dar, wodurch  die Urgemeinde viele Worte Jesu (wohl die meisten!) erfuhr. Soweit der  Ablauf gemäß der Propheten-Hypothese. Wenn wir uns jedoch dem  NT zuwenden, erkennen wir, daß zwar gelegentlich zeitgenössische  Propheten erwähnt werden (wie etwa Agabus in der Apg), doch lässt  sich deren Stellung in keiner Weise vergleichen mit der maßgeblichen  Rolle, welche die Augenzeugen des „irdischen“ Jesus, vor allem die  „Zwölf“,  hatten. Das zeigt, wie wichtig es genommen wurde, mit dem „irdischen“  Jesus zusammengewesen zu sein, seine Worte gehört zu haben, von ihm  beauftragt worden zu sein!

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Drittens: Wir finden im NT auch immer wieder Warnungen vor falschen  Propheten und die Aufforderung zu prüfen. Das zeigt, dass zur  Zeit der Niederschrift der ntl. Bücher die Notwendigkeit, zu unterscheiden,  bewußt war.

Denken wir an Jesu Endzeitrede: „Seht zu, dass
euch niemand verführe! Denn viele werden unter meinem Namen kommen  … und viele falsche Propheten werden aufstehen und werden viele verführen;
… es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen …“ (Mt
24,4f.11.24). Oder Paulus bei seiner Aufzählung der Charismata: „einem  anderen aber Prophezeiung, einem anderen aber Unterscheidungen der Geister“  (1.Kor 12,10) und: „Prophezeiungen verachtet nicht, prüft aber alles“  (1.Thes 5,20f). Oder Johannes: „Glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft  die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in  die Welt ausgegangen“ (1.Joh 4, 1).

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Insofern waren prophetische Worte von vornherein „benachteiligt“ gegenüber  Worten des „irdischen“ Jesus, was ihre Einflussmöglichkeiten betrifft:
bei prophetischen Worten bestand eine zusätzliche Irrtumsmöglichkeit,  die bei von mehreren Zuhörern bezeugten Worten Jesu wegfiel. Da prophetische  Worte zunächst geprüft werden mußten, ist es von vornherein  unwahrscheinlich, daß eine große Zahl solcher Worte (etwa  der Großteil der im NT berichteten Jesus-Worte) auf diesem Weg zur  Anerkennung gelangten. Die mit geistgewirkten prophetischen Weisungen
außerdem noch verbundene Unsicherheit, ob sie richtig verstanden  werden, sehen wir auch im NT selbst, und zwar als Paulus auf dem Weg nach  Jerusalem war (Apg 20,22-25; 21,4; 21,11-14).
Viertens: Das AT warnt  vor falschen Propheten. „Prophet gegen Prophet“ heißt ein Buch,  das die zahlreichen atl. Texte analysiert, in denen es um falsche Propheten  geht. Für die frühen Christen war das AT die Heilige Schrift.
Diese lasen sie, darin lebten und dachten sie. Von daher hatten sie auch  eine klare Vorstellung, wie mit Worten Gottes umzugehen ist: Sie dürfen  keinesfalls verändert werden. Wenn jemand ein Wort Gottes erhält  und sich davon abbringen läßt aufgrund eines angeblichen neueren  Wortes Gottes, der begibt sich in Lebensgefahr! Das sehen wir in 1. Könige  13: Ein „Mann Gottes aus Juda“ sprach gegen den Altar von Bethel, auf  dem König Jerobeam räucherte. Er gibt seinen Auftrag genau wieder:
Er soll unterwegs kein Brot essen und kein Wasser trinken (13,9.17). Ein  anderer Prophet belog ihn aber und teilte ihm ein „neues Wort Gottes“  mit (13,18). „Der Mann Gottes aus Juda“ hörte auf diesen falschen  Propheten und mußte das mit dem Leben bezahlen.

Die Historizität dieser Geschichte steht  hier nicht zur Diskussion. Die Juden im 1.Jahrhundert, ebenso die frühen  Christen, lasen diesen Bericht und glaubten ihn. Von daher hatten sie  eine genaue Vorstellung, was das Akzeptieren neuer „Worte Gottes“ betrifft;
insbesondere solcher, die im Widerspruch zu

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bekannten Worten Gottes (hier: Worten Jesu) standen. Der atl. Bericht  erinnert übrigens an Galater 1,8 – wo Paulus davor warnt, ein anderes  Evangelium zu verkündigen; es gibt also bestimmte, richtige Inhalte;
davon abweichende sind als falsch abzulehnen!

Jedenfalls waren den ersten Christen vom AT her  die Gefahren falscher Propheten bewußt; Gefahren für die vom  Propheten Verführten, aber auch für den Propheten selbst. Von  daher ist das Auftreten einer großen Zahl von Propheten gar nicht  zu erwarten.

Überblicken wir flüchtig die Stellen  über falsche Propheten. Wir stellen dabei fest: Die Tätigkeit  der wahren Propheten wird häufig begleitet, konkurriert, behindert  durch falsche Propheten. Der auf Prophetie achtende AT-Leser wurde zwangsläufig  auf dieses Nebeneinander aufmerksam und war somit auch permanent mit der
Erscheinung konfrontiert, daß es neben wahrer Prophetie auch falsche  gibt.

Im Gesetz finden wir Kriterien zur Unterscheidung  wahrer und falscher Propheten, verbunden mit der Anordnung der Todesstrafe
für falsche (5.Mo 13,2-6; 18,20-22).

Und in den prophetischen Büchern? Im Propheten  Jesaja findet man kaum Warnungen vor falschen Propheten. Zwar nicht  so bekannt wie Jesaja, aber doch auch vielgelesen war Jeremia
wie ntl. Zitate in Matthäus, Hebräerbrief, 1. und 2. Korintherbrief
zeigen. Dieses Buch weist bei weitem die meisten Texte auf, die von einem  Konflikt zwischen Propheten zeugen.

„Da sprach Jahwe zu mir: ,Lüge weissagen  die Propheten in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt und sie nicht
beauftragt und nicht zu ihnen geredet. Lügengesicht, nichtige Wahrsagerei  und selbstersonnenen Trug weissagen sie euch. …durch Schwert und Hunger  werden diese Propheten umkommen'“ (14,14f).

(Ähnlich auch in 2,8; 5,31; 6,13-15; 23,16-32;  27,9f.14-18; 29,8f.21-32; 37,19; Kla 2,14.)

Der Prophet Hananja trat einer Prophetie Jeremias
mit einer

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widersprechenden entgegen. Ergebnis: „Im 7.Monat desselben Jahres starb  der Prophet Hananja“ (Kap. 28).

Weniger häufig gelesen wurde Hesekiel;  auch darin wird gelegentlich die Möglichkeit der Falschprophetie
erwähnt (12,24; 13; 14,9f; 22,28).

Das Zwölfprophetenbuch scheint in
ntl. Zeit recht intensiv verwendet worden zu sein – im NT finden sich
viele Zitate daraus. Micha predigt gegen falsche Propheten (3, 5-7.9.11),  auch Sacharja weist auf die Gefahr hin, in der sich ein falscher Prophet  befindet (13,2-6).

Betrachten wir abschließend noch die Geschichtsbücher.
Micha warnt vor einem Feldzug gegen Aram, 400 Propheten raten zu (1.Kön  22,1-28); Nehemia durchschaut eine falsche Vorhersage als Falle (Neh 6,12).

Fünftens: Im AT finden wir des öfteren Dialoge zwischen Gott
und einem Menschen, wobei der Dialog dadurch eröffnet wird, dass
der Mensch eine Frage an Gott richtet, und zwar Gottes Ansicht betreffend:
Etwa bei Mose, bei David oder bei einigen Propheten. Der Normalfall
ist diese Dialogform aber auch im AT nicht; ein Dialog zwischen Gott
und einem Menschen wird zumeist durch Gott eröffnet
.

Im NT finden wir eine solche Dialogform (der  Mensch eröffnet einen Dialog mit Gott) überhaupt nie, obwohl  es eine ganze Reihe von Gelegenheiten dazu gegeben hätte. In der  Apostelgeschichte lesen wir von mehreren Situationen, wo es naheliegend  gewesen wäre, einen Dialog der beschriebenen Art anzustreben: bei  der Bestimmung eines Ersatzapostels (1,15-26), bei der Versorgung der
hellenistischen Witwen (6,1-6), bei der Frage der Beschneidung der Heiden  (15,1-29) usw. In all diesen Fällen wird nüchtern berichtet,
wie man – ohne ein Wort Jesu zu haben – zu einer Lösung zu kommen
versuchte. Weder tritt hier ein Prophet auf, der spontan ein neues „Wort  Jesu“ verkündet, noch sieht der Bericht so aus, dass jemand auf ein  Wort des irdischen Jesus zurückverweist (wohinter man

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dann eventuell eine Rückprojektion vermuten könnte). Als Paulus
Anfragen der Korinther beantwortet, verweist er zwar darauf, dass
er den Geist Gottes besitzt, stellt aber bei einer bestimmten Frage ausdrücklich  fest, dass er dazu kein Wort Jesu besitzt (1.Kor,40.25).

Es stellt dem frühen Christentum ein gutes  Zeugnis aus, dass es so scharf unterschieden hat zwischen Jesusworten  und den Ansichten von göttlich beauftragten Menschen (wie z.B. Paulus).
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Sechstens: Die Vorstellung vom jungen Christentum als einer enthusiastischen  Bewegung hat Ähnlichkeiten mit dem, was man heute in der sog. charismatischen  Bewegung erleben kann. Auch dort treten „Propheten“ auf. Solche Prophetien  beinhalten zum Großteil allgemeine Aussagen, wie sie jeder Bibelleser  machen könnte – bloß in veränderter Form: eventuell wird  „Der Herr spricht: …“ an den Beginn gesetzt, und der Inhalt in „Ich“-Form  wiedergeben (also Gott selbst als der Redende hingestellt); etwa: „Wenn  ihr an mir festhaltet, werde ich euch reich segnen …“ Gelegentlich kommen
zwar auch konkrete Vorhersagen vor, diese sind dann aber auch dem Test  der Wirklichkeit unterworfen. Was nach meiner Beobachtung seltener vorkommt:
Dass zur Zeit einer Diskussion über eine bestimmte Streitfrage in
einer Gemeinde jemand als Prophet aufsteht und sagt: „Der Herr hat mir  jetzt gezeigt, er will das und das.“ Warum kommt das eigentlich nicht  öfter vor? Hier wäre von vornherein mit Widerstand zu rechnen.
Die Andersdenkenden sind von ihrer Meinung als gottgewirkt genauso überzeugt.
Gerade in einer solchen Situation würde eine solche „Eingebung“ sehr  argwöhnisch betrachtet werden; dieVermutung, dass jemand seine eigene  Vorstellung nun Gott in den Mund legt, drängt sich dann stark auf.
Die Chance, daß tatsächlich ein solches Wort die Streitfrage
beenden könnte, ist gering. Diese Chance wäre eigentlich überhaupt
nur dann gegeben, wenn ein bestimmter Prophet von vornherein eine her-

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ausragende Stellung hat, so daß seine Prophetien kraft seiner
Person
(nicht aufgrund des Inhalts der Prophetien) akzeptiert werden.
Aber gerade eine derart herausragende Stellung hatten Propheten nicht  nach allem, was das NT uns zeigt.

Jedenfalls sollte bei der Propheten-Hypothese  bedacht werden, dass beim Aufkommen von Streitfragen in der frühen
Christenheit zumeist auch schon bestimmte Antworten seitens einiger Christen  vertreten wurden – mit der entsprechenden Schwierigkeit für einen  „Propheten“, seine Ansicht bei der Gegenseite durchzubringen. Sollte man  wirklich annehmen, dass alle Christen in einer solchen Frage noch völlig  „neutral“, völlig ahnungslos bezüglich einer möglichen/vermutlichen  Antwort waren – mit entsprechender Offenheit für eine die Frage klärende
Prophetie?

Siebtens: Wenn im NT der Inhalt einer Prophetie angegeben wird, wird  stets der Name des Offenbarungsempfängers mitgenannt (Apg 10,19;  11,12.28; 13,2; 21,4.11; Offb 1,1). Bei den Evangelien, den Berichten  über das Leben des irdischen Jesus, war die Angabe des Verfassers  weniger wichtig (die Evangelien enthielten ursprünglich keine Verfasserangaben;
die Überschriften, wie „Evangelium nach Matthäus“, wurden nachträglich  hinzugefügt), weil sie von Ereignissen erzählen, die von mehreren  Augenzeugen bestätigt werden konnten. Eine Offenbarung bzw. eine  Prophetie dagegen empfängt meistens nur ein einzelner. Dass der Name  des Offenbarungsempfängers (des sog. „Offenbarungsträgers“)  mitgenannt wird, verhindert aber, daß der Inhalt solcher Offenbarungen  unterschiedslos mit Worten des irdischen Jesus vermischt wird. Achtens: Gesetzt den Fall, die frühen Christen hätten wirklich  nicht so genau unterschieden: Geistgewirkte Aussprüche ihrer Propheten  gehen genauso auf Jesus zurück und werden daher einfach diesem in  den Mund gelegt. Was wäre zu erwarten? Diese Aussprüche hätte  man irgendwann gesammelt, in einer

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Art Logien-Sammlung ohne Rahmenhandlungen. Man hatte schließlich
nur diese Aussprüche „von Jesus“, Rahmenhandlung (mit dem irdischen  Jesus) hatte man dazu ja nicht.

Alles weitere, was über eine solche Logien-Sammlung
hinausging, war dann schon der bewußte Versuch zu täuschen
– man muß sagen: ein Betrug. Denn gemäß der Propheten-
Hypothese wurden zu diesen Aussprüchen „von Jesus“ dann noch Rahmenhandlungen  erfunden, damit diese Aussprüche auch wirklich so erscheinen, als  hätte sie bereits der irdische Jesus gesprochen. Das wäre dann  nicht bloß ein mangelndes Unterscheiden (ob es auf den irdischen  oder auf den erhöhten Jesus zurückgeht), sondern ein  zielgerichtetes Täuschungsmanöver.

Mitunter wird betont, daß etwas vor  Ostern geschah, etwa durch Beifügungen wie „sie verstanden es (noch)  nicht“. Die Betonung des „vorher“ fällt besonders bei Vorhersagen  auf. Jesus sagt etwa: „Denkt daran: Ich habe es euch vorausgesagt“ (Mt  24,25). Wenn das einem nachträglichen „Wort Jesu“ hinzugefügt  worden wäre, dann würde bewußt getäuscht. Im Johannesevangelium  werden diese Vorhersagen im vorhinein zu einer Glaubenshilfe: „Ich  sage es euch schon jetzt, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen
ist, glaubt: Ich bin es“ (13,19; ähnlich in 14,29 oder 16,4). Wenn
das nachträglich so geschrieben wurde, handelte es sich um absichtliche  Irreführung.

Gleiches würde gelten, wenn eine Geschichte
zusätzlich mit dem Hinweis versehen wird, Jesus selbst habe angekündigt,  dass diese Geschichte dereinst erzählt werden wird, dies aber erst  nachträglich ihm in den Mund gelegt worden wäre (Mk 14,9).

Neuntens: Selbst wenn Jesu Anhänger auf die Aufbewahrung seiner
Worte nicht genug achteten und somit nach einigen Jahr(zehnt)en sich nur  noch an einige wenige, besonders zentrale Aussprüche Jesu erinnern  konnten: Dann wäre es noch immer möglich gewesen, dass sie sich  auf diese zentralen Aussagen beschränkt hätten (da ihnen
die anderen ja ohnehin offenbar nicht

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so wichtig gewesen waren …) und sich im übrigen auf Erläuterung
und Entfaltung dieser zentralen Aussagen beschränkt hätten.
Zur Produktion weiterer Aussprüche Jesu und zum Jesus- in-den-Mund-Legen  ist es auf jeden Fall noch ein weiterer Schritt. Eigentlich ein überflüssiger  Schritt, denn die wichtigsten Worte wußte man ohnehin schon auswendig  (bzw. konnte sie auf einige Papyri zusammenschreiben); und soweit Bedarf  nach neuen Antworten war, wußte man sich ohnehin im Besitz des Geistes,
so dass man diese Antworten direkt erhielt. Hier müßte man
also noch zusätzlich annehmen, dass es im letzten Viertel des 1.Jahrhunderts  einen Umschwung gab: Konsolidierung, Erstarrung, Institutionalisierung,  Amt statt Geist …

Schrieb man etwa deshalb alles auf, weil die  letzten Augenzeugen des Wirkens Jesu starben? Aber auf diese kurze Zeit  (ein Jahr?) öffentlichen Wirkens Jesu konzentrierte man sich doch  ohnehin nicht? (Da ja derselbe Jesus auch nach seiner Himmelfahrt noch
sprach und diese nachträglichen Aussprüche viel zahlreicher
festgehalten wurden, also offenbar wichtiger genommen wurden.) Außerdem  beteiligte man die Augenzeugen angeblich ohnehin nicht am Abfassen der  Evangelien.

Zehntens: Aus der Sicht der Propheten-Hypothese war das Wirken Jesu  gar nicht besonders herausragend. Dadurch ergibt sich die Frage: Warum  wurde Jesus nachträglich derart überhöht?

Hatte Jesus Wunder getan? Ja, aber auch  seine Nachfolger waren Wundertäter; Jesus hatte dazu in den Augen  derer kein Monopol, die die neutestamentlichen Bücher schrieben.

Lehren? Einige Jahrzehnte nach Jesu Auftreten  waren noch einige seiner Aussprüche in Erinnerung, aber der Großteil  der umlaufenden „geistgewirkten Worte“ ging auf andere Menschen zurück  – so herausragend können also seine Aussprüche nicht gewesen  sein, wenn sie (großenteils) so schnell vergessen waren bzw. zum  anderen Teil ihnen viele andere Aussprüche als gleichwertig zur Seite  gestellt wurden.

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Missionserfolg? Dieser war durchaus gegeben:
Am Ende des Lebens Jesu gab es einen „harten Kern“ und darüber hinaus  noch Sympathisanten; alles in allem vielleicht einige hundert Menschen.  Jedenfalls waren seine Anhänger nach ihm, etwa Petrus oder Paulus,  erfolgreicher; diese gewannen Tausende hinzu. Jesus hätte diese Chancen  auch gehabt, aber auf die politischen Erwartungen derer, dessen Aufmerksamkeit  er erregt hatte, wollte oder konnte er nicht eingehen. Die Apostel hatten  ihm gegenüber sicher den Vorteil, daß ihre Wirkungszeit länger  war.

Es bleibt also lediglich, daß Jesus der  Begründer der Bewegung war; nach mehreren Jahrzehnten muß sein  Wirken aber auch schon ziemlich verblaßt gewesen sein (angesichts  dessen, dass leitende Persönlichkeiten nach ihm mehr taten und deren  Wirken noch nicht so lange zurücklag).

Wenn man den „Ahnherrn“ der Bewegung in dankbarer
Erinnerung behalten wollte, so hätte die Verehrung eines Propheten
vollauf genügt. Durch eine Gleichsetzung Jesu mit Gott/Jahwe (oder
zumindest ein Nahe-an-Gott-Heranrücken) bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung  des Monotheismus kam man ja in große lehrmäßige Schwierigkeiten,  die schließlich in die Trinitätslehre mündeten. Wozu nahm  man freiwillig diese – aus Sicht der Propheten-Hypothese – überflüssigen  Schwierigkeiten auf sich?

Und schließlich: Warum wurde der Bestand  an „geistgewirkten Worten“ bei der Abfassung der Evangelien ausschließlich  auf Jesus zurückgeführt?

Man hätte sie auf den jeweiligen Propheten  zurückführen oder sie überhaupt anonym lassen können.  Wer meinte, etwas zu sagen zu haben, hätte auch in eigenem Namen  einen Brief schreiben können – ein solcher konnte durchaus eine beachtete  Rolle spielen. Das NT enthält Briefe unter den Namen von 5 verschiedenen
Männern (abgesehen von den „Jesusbriefen“ in Offb 2 und 3). Die Bereitschaft,  Botschaften von Männern ernst zu nehmen, die nicht unter dem Namen  Jesu liefen – ja

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nicht einmal sich darauf beriefen, göttliche Offenbarung zu sein
-, war also durchaus vorhanden.

Gerade wenn sich urchristliche Propheten auf  den Geist beriefen, der nun „in die ganze Wahrheit leiten“ soll (Joh 16,13),  hätten sie (oder die Hörer) es durchaus nicht nötig gehabt,  ihre Aussprüche mit dem irdischen Jesus in Verbindung zu bringen.
Der Geist sprach früher durch den irdischen Jesus, und nun spricht
er durch christliche Propheten – aber es ist derselbe Geist. Mit  dieser  Vorstellung hätte man sich durchaus anfreunden können. Und wenn  man sich ohnehin auf Jesu Ankündigung des Geistes berief, dann konnte  man damit auch die eigene Eingebung legitimieren. Es bestand also überhaupt  keine Notwendigkeit, das jeweilige prophetische Wort auf Jesus zurückzudatieren.

Warum versetzte man bestimmte Worte in die Zeit  vor Ostern? Es war den Christen doch angeblich gar nicht wichtig, ob sie
wirklich auf den irdischen Jesus zurückgingen? Zu bedenken ist auch
folgendes: Gehen wir von der Annahme aus, daß die in den Evangelien  enthaltenen „Jesusworte“ in Wirklichkeit zum Großteil Aussprüche  frühchristlicher Propheten waren. Die tatsächlichen Worte des  irdischen Jesus wurden demnach nicht besonders wichtig genommen – kurze  Zeit danach hatte man sie schon vergessen. Wesentlich wichtiger erschienen  die Worte des erhöhten Christus (ausgesprochen durch „im Geist“ redende
frühchristliche Propheten). Von diesen Worten wurden viele aufbewahrt  und niedergeschrieben. Warum dann dieser eigenartige Zwang, diese Worte  des Seitenanfang
erhöhten Christus unbedingt dem irdischen Jesus in den Mund legen  zu müssen? Wenn doch dessen Aussprüche ohnehin nicht so besonders  wichtig schienen? Ein solches In-den-Mund-Legen wäre ja geradezu  eine Abwertung dieserAussprüche – eine Abwertung in einem  Milieu, das die historischen Worte des irdischen Jesus nicht besonders  wichtig genommen hatte, die Worte des Erhöhten dagegen sehr.

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Elftens: In diesem Zusammenhang sollte auch folgendes mitbedacht werden:
Wenn der „Heilige Geist“ erwähnt wird, denken manche schnell an Ekstase  und Schwärmerei. Doch lassen wir uns an Joh 14,26 erinnern – dort  hören wir von der traditionswahrenden Funktion des Heiligen Geistes:
„Der heilige Geist … wird euch alles lehren und euch an alles erinnern,  was ich euch gesagt habe.“

Literatur dazu: Riesner 9-11 (Propheten-Hypothese).
72.85f. §11 (hl.Geist) – Frank Lothar Hossfeld/Ivo Meyer, Prophet gegen  Prophet. Eine Analyse der alttestamentlichen Texte zum Thema: Wahre und  falsche Propheten (1973).
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Mit freundlicher Genehmigung des Herrn Franz Graf-Stuhlhofer.

Seine Homepage

Ein Gedanke zu „Jesu Schüler (3)“

  1. Anmerkung zur Naherwartung: Sie zeigt sich an über 25 Stellen im NT. Wenn man die Stellen genauer betrachtet (z.B. auch die Endzeitrede), stellt man fest, dass immer auch von einem baldigen Strafgericht über Jerusalem und den Tempel die Rede ist. Jesus selbst kündigte dies dem Hohepriester und auch auf dem Weg zum Kreuz an. Wenn man in die Geschichtsbücher schaut, stellt man fest, dass im Jahr 70 Jerusalem + Tempel in einem wahren Strafgericht zerstört wurde. Die Zeit des Mosaischen Judentums wurde so beendet. Fragten die Jünger Jesus nicht nach dem Ende der Zeit (gr. aeon = Zeitalter) und dem Gericht, also dem Ende des Alten Bundes? Übersetzte man es nicht dann als Ende der Zeiten/Welt?

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