Einheit

Richard Krüger                            wörtliche Übertragung des Vortrags

Die Einheit und Zerrissenheit der christlichen Gemeinde

In meiner Arbeitsbibliothek habe ich ein zweibändiges Werk eines katholischen Verlages stehen, das zählt 6 ½ tausend Kirchen aus der ganzen 2000 jährigen Geschichte bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts auf, und es ist schon verwirrend, darin zu blättern, zu lesen. Nun habe ich festgestellt, dass jüngste Forschungen diese Zahl von 6 ½ tausend bei weitem übertroffen haben. Konfessionskundler sprechen heute von rund 25 000 Kirchen, Freikirchen, Bewegungen, Gruppen, freie Gemeinden und Glaubensgemeinschaften auf der Welt, d.h. in der Geschichte und heute. Ist das auch so in Deutschland? Nun sicherlich nicht mit 25 000, sicherlich auch nicht mit 6 ½ tausend aber die Vielfalt ist um ein Erhebliches größer als wir annehmen. Da sind nicht nur die großen Volkskirchen, die Römisch, Katholische Kirche, die Kirchen der Reformation, da sind nicht nur die Freikirchen alter, neuerer Entstehungszeit, da sind nicht nur die vielen, vielen Pietistischen Gruppen, die es im süddeutschen Raum, in den alten Erweckungsgebieten wie hier und anderswo gibt. Da sind nicht nur die vielen, vielen anderen Gemeinschaften, die es hin und her gibt, da gibt es neuerdings auch die vielen Ausländergruppen und Gemeinden, die wir in Deutschland haben. Auf einer Kirchenkonferenz auf einer Missionsakademie in Hamburg, ein Teil der Universität Hamburg, sprach mich der Dekan an und sagte: Bruder Krüger, wir werden alleine in Hamburg von 50 afrikanischen Gemeinden angefragt, ob sie nicht Räumlichkeiten bekommen könnten. Und das sind alles weitgehend Pfingstgemeinden. Warum kümmern sie sich nicht um die? Ich sagte: Verzeihung, wir wissen gar nicht, dass sie da sind. Und die wissen gar nicht, dass wir da sind. Vor kurzem bei einer anderen Konferenz lernte ich eine engagierte Pfarrerin kennen, und die erzählte davon, dass sie alleine in ihrer Adresskartei für die westfälische Kirche 230 Gruppen ausländischer Gemeinden hat, aus den verschiedensten Kulturkreisen. Wenn wir das alles zusammenzählen, dann kommen wir auch in Deutschland auf eine Zahl, die Tausend übertrifft, die sogar, wenn man die einzelnen eigenständigen Gemeinden in unserem Land nimmt, insgesamt über 2000 hinausgeht.
Es ist schon verwirrend, wenn jemand sagt, mit diesen ganzen isten, bisten, misten und wie sie sonst heißen mögen. Wer soll da durchblicken. Wie soll man nun wissen, was denn das Richtige ist, oder wie soll daran offenbar werden, dass ein Herr, ein Gott, ein Geist wirkt.

Warum gibt es denn so viele Gruppierungen?

Warum gibt es denn so viele Kirchen, warum denn so viele Freikirchen, Gemeinschaften, Gemeinden, Gruppierungen, Sondergruppierungen?
–Dafür gibt es eine Fülle von Gründen, die ich nur ganz kurz streifen möchte, um zu zeigen, warum es dazu kommen konnte:
Zunächst einmal durch
– Lehrunterschiede und Abweichungen.
Nun haben wir zwar alle eine Bibel. Wir haben alle das Neue Testament als Grundlage für die Gemeinde Jesu Christi, und doch wird sie so unterschiedlich verstanden, wird sie verkürzt aufgenommen oder erweitert, interpretiert. Und aus diesen vielen, vielen Ansätzen haben sich Lehrunterschiede entwickelt, Lehrunterschiede über die Trinität, in der Lehre über Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiligen Geist, Lehrunterschiede über den Heilsweg, sakramental oder durch Glauben begründet, Lehrunterschiede über das Bild und über die Leitung der Gemeinde, Lehrunterschiede über die Wiederkunft Jesu Christi, nicht nur über den Zeitpunkt, Lehrunterschiede über das 1000 jährige Reich, Entrückung vorher oder überhaupt nicht oder nachher erst. Eine Fülle von Möglichkeiten. Und das ist nicht erst das Produkt der Kirchengeschichte. Als Apostel Paulus Abschied nimmt von der Gemeinde zu Ephesus, auf der Rückreise seiner 3. Missionsreise, da lässt er die Ältesten von Ephesus nach Milet kommen. Und dort hält er seine Abschiedsrede. Er verkündigt klar: Ihr werdet mich nicht mehr sehen und ich werde euch nicht mehr sehen, denn überall, wo ich hinkomme bezeugt der Heilige Geist, dass auf mich Gefängnis und Verfolgung wartet. Und in dieser Situation, da drückt Paulus noch einmal aus, was ihn für die Gemeinde bewegt. Er spricht die Ältesten an und sagt: gebt acht auf die Herde Gottes, über die ihr gesetzt seid als Hirten. Denn diese Herde Gottes hat Gott sich mit dem Blut seines Sohnes erkauft. Und dann wird Paulus sehr ernst und nachdenklich, denn reissende Wölfe werden in eure Mitte eindringen, Verfolgung von aussen, nicht nur Verfolgung in dem Sinne, sondern auch Machtanspruch wird in der Gemeinde wirksam werden. Und dann fährt Paulus fort und sagt: aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die durch ihre Reden Menschen an sich binden und aus der Gemeinde herausbrechen. Das hat Paulus während seinem Leben und seinem Dienst schon in einer Vielfalt erfahren. Wenn wir nur den Galaterbrief lesen. Mit welch einem inneren Engagement, mit welchem Herzensblut schreibt er diesen Brief, um die Menschen für das Evangelium wieder zu gewinnen, Menschen, die in eine gesetzliche Lehre hineingezogen worden sind. Das hat es von der Frühzeit an gegeben und hat sich durch die Jahrhunderte und Jahrtausende fortgesetzt und hat in
– Parteiungen, hat den Gruppenegoismus, hat in Abspaltungen, hat in neuen Gruppierungen den Ausdruck gefunden und hat dazu beigetragen, dass es eine solche Fülle historischer und heute aktueller Kirchen und Gemeinschaften gibt. Dann die Frage der
– Hierarchie. Die Entwicklung aus dem Ältestenamt zum Priester haben die Sakramente verwaltet, hin zu der Sukzession der Priester bis hin zu der Sonderstellung des Papstes. Das alles hat dazu geführt, dass Menschen diese Wege nicht mehr mitgehen konnten. Da sie keine andere Möglichkeiten hatten, Sondergemeinschaften gründen mussten. Und diese Sondergemeinschaften durch Verfolgung wieder aufgespalten wurden. So entstanden immer wieder neue Gruppierungen, die oft nicht einmal voneinander wussten, die aus logistischen Gründen, wie wir heute sagen würden, gar kein Netzwerk aufbauen konnten. Dann gab es aus diesen
– Protesten neue Aufbrüche, es gab neue Erfahrungen und das ist ein Phänomen der Kirchengeschichte, dass immer dann, wenn man meint, alles wäre erstarrt, als wäre keine Chance da, schafft sich der Geist Gottes Raum, Menschen machen persönliche Erfahrungen, brechen wieder durch zum Evangelium. So positiv das ist, aber darin liegt gleichzeitig immer auch ein gefahrvoller Ansatz, weil man die Subjektivität der eigenen Erfahrung absolut setzt und diese Erfahrungen dominant darstellt, kommt es dann zu Einzelgruppierungen, zur Entstehung neuer Gemeinschaften. Manchmal geschah das aber auch durch Dekrete des Staates, durch Zwangsumsiedlung, durch Zwangsvereinigungen, und die liegen gar nicht so weit zurück. In der Restauration des 19. Jahrhunderts beschloss der Preussische König, Schluss mit Lutheranern, Schluss mit Reformierten. Die werden zusammengeschlossen, das alles wird uniert. Ergebnis war nicht eine Kirche, sondern 3 Kirchen in Preussen. Und das Ergebnis war, dass aus Protest dagegen noch Lutherische Freikirchen entstanden. Als das alles fertig war, wird er auch gedacht haben, was habe ich jetzt gemacht. Eine Kirche wollte ich und jetzt habe ich beide Hände voll davon. Das geschieht auch durch politische Eingriffe. Es geschieht aber auch durch
– traditionelle Ausprägungen. Es gibt Dinge, die verfestigen sich. Es gibt Dinge, die haben ein Eigenleben und sind gar nicht mehr mit Inhalten gefüllt. Da gab es doch vor kurzem, es ist noch gar nicht so lange her, in der Schweiz eine denkwürdige Entdeckung. In einer Reformierten Kirche, in einem kleinen Ort war es seit Generationen so, wenn die Menschen dort das Kirchengebäude betraten, dann verbeugten sie sich im Eingangsbereich alle zur rechten Wandseite. Jeder fragte, warum, keiner wusste es. Das war immer so. Als eine Renovierung anstand, bekam der Küster den Auftrag, doch im Vorraum mal den Putz abzuklopfen, weil sich da Dinge lösten. Ganz aufgeregt kam der liebe Mann eines Tages zum Pfarrer gerannt und sagte: „Sie müssen kommen, das müssen sie sich anschauen.“ Was war? Nachdem man den Putz runtergeschlagen hatte, kam ein Marienbild zum Vorschein. Das war während der Reformation zugeputzt worden, aber etwa 5 Jahrhunderte hatte die Tradition ihre Kraft beibehalten und alles verbeugte sich ehrfurchtsvoll zur rechten Seite hin ohne zu wissen, warum. Traditionen haben ungeheure Kräfte, die binden. Und da wo Menschen den Sinn dieser Traditionen nicht mehr nachvollziehen können und dann Fragen stellen, bekommen sie die alles klärende Antwort: Das war schon immer so. Das ist natürlich der schlagfesteste Beweis, den es überhaupt gibt. „Es war schon immer so“. Und so haben die Dinge, die schon immer so waren, oft dazu beigetragen, dass es zu weiteren Trennungen führte, und das lag nicht nur an denen, die sich trennten, sondern das lag auch mit an denen, die das schon immer so gemacht haben. Weitere Gründe sind
– kulturelle Dinge. Kultur haben viele Christen einfach mit einbezogen als Bestandteil des Evangelium, ein Christ ist so, ein Christ kleidet sich so. Ein Christ tut diese Dinge, und darüber hat sich die Gemeinde Jesu und die Christenheit durch alle Jahrhunderte und Jahrtausende immer wieder neu zerstritten und das hat zu weiteren Gruppierungen geführt. Als in der Schweiz mit den Täufern wieder der Gedanke Neutestamentlicher Gemeinde auftauchte, als dort das Ziel war, wieder zurück zu den apostolischen Gemeinden, da hielt man die jeweilige Kultur für das Gottgegebene. Und als es dann zu einem Kulturwandel kam, gab es einen gewaltigen Aufstand. Da war der schweizer Täuferführer Jakob Amman. Und als dann im Zuge der Mode, die ja übrigens auch nichts Neues ist, sondern Ausdruck auch der Kreativität des Menschen ist, um sich immer wieder mal anders zu kleiden, passierte folgendes: Bis dahin kannte man nur Haken und Ösen, um die Kleider zu verschließen. Und jetzt tauchten auf einmal Knöpfe auf, und zum Schrecken aller Frommen, sogar Taschen an der Kleidung. Und das führte zu einer erbitterten Auseinandersetzung, so dass dieser Kreis Schweizer Täufer gespalten wurde. Aus dieser Zeit stammt der denkwürdige Lernvers: Die mit den Knöpfen und Taschen, die wird der Teufel er……., aber die mit den Haken und Ösen, die wird der Herr endlich erlösen. Wir lachen, aber aus diesem kulturbedingten Streit entstanden die „Amischen“von Jakob Peter Amman. Eine Gruppe, die man in Kanada und USA kennenlernen kann, eine Form versteinerten Christentums, eine Form von Tradition, die schon komisch wirkt. Oder bei den Hutterern von Jakob Hutter, dem Tiroler Hutmacher, ähnliche Dinge wieder. Bei meinem Besuch in Kanada, ich habe viele Verwandten dort, sagte meine Tante: Heute gehen wir zu den Hutterites, also zu den Hutterern. Ich sagte, O gerne, sie hatte im Krankenhaus eine Frau kennengelernt, sich mit ihr angefreundet aus dieser Siedlung. Und so fuhren wir zu den Hutterites. War das ein erlebnisreicher Tag. Mir wurde alles gezeigt als Pastor und Pfarrer aus Deutschland. Und dann wurde mir eine Schrift übergeben, warum es denn einzig statthaft wäre, dass Männer nur Bärte tragen, dass Männer nur schwarze Westen und weiße Hemden tragen, dass Frauen Kopftücher tragen, dass Frauen links sitzen, Männer rechts, und dass all dieses und das wurde mir mit einer Inbrunst dargeboten, dass ich mich schon sehr beeindruckt gab aber an manchen Stellen konnte ich mich eines Lächelns nicht erwehren. Das Gleiche passierte in die andere Richtung. Als meine Tante sagte: Heute fahren wir mal in die Mennonitensiedlung nach Steinheim, eine kleine Stadt, ein lebendes Museum. Da ein Teil meiner Vorfahren selbst aus dem Bereich kamen, entdeckte ich ein Stück unserer Geschichte wieder, nicht nur das altertümliche Deutsch, den Dialekt, der gesprochen wurde, sondern all die Dinge, die ich durch meinen Großvater mal erfahren hatte, durch meine Großmutter. Mich haben die Dinge interessiert und ich habe viel nachgeforscht. Und wieder das Gleiche. Kulturelle Dinge wurden für absolut gesetzt. Wir haben gerade bei den Frauen, bei den Männern gewisse andere Momente. Als ich erst vor wenigen Jahren in Russland in Deutsche Gemeinden kam, da schaute man mich sehr sehr zurückhaltend an. Stellen sie sich vor, da hatte ich es doch gewagt, mit einer Krawatte dorthin zu kommen. Und ich habe es gewagt, mit einer Krawatte zu predigen, obwohl das doch der offenbarte Ausdruck von Hochmut und Weltlichkeit ist. Ich wusste das, aber ich dachte, das erspare ich ihnen nicht. Warum berichte ich dieses alles, um deutlich zu machen, wie Dinge, die Kultur sind, so schnell zum Bestandteil des Evangeliums gemacht werden, und dann kommt es zu all diesen Trennungen, Spaltungen, neuen Gruppierungen, die dann entstehen. Positiv gesehen aber gibt es auch Gründe, die erfreulich sind. Das sind
– eigenständige Entstehungen von Gemeinde. Interessant ist ja, wenn man jetzt mit Afrikanern in Kontakt kommt, rund 10% unseres Gemeindebundes sind Ausländer, ausländische Gemeinden, Chinesen, Polen, Tamilen, Iraner, dann Afrikaner, jede Menge . Und ich habe ein bisschen versucht, mich da hineinzufinden, neben der großen Gruppe der Koreaner. Interessant ist es bei den Afrikanern. Wenn man sie fragt, was seid ihr denn für eine Gruppe. Ja wir sind apostolic face mission Jesus Christ glory, also Namen, die passen nicht auf ein Schild,das müsste man doppelt beschriften, mit einer Vielfalt, und jedesmal, wenn ich da nachfrage, ja aber wo kommen sie denn her oder wo gehören sie denn hin, wieso, wir haben die Bibel gelesen, wir haben Jesus erlebt und haben uns einen Namen gegeben. Da ist eine solche Vielfalt. Ich habe bei Missionaren nachgefragt, ist das so. Sie sagten, das ist tatsächlich so. Da sind nicht nur Abspaltungen, sondern da sind Menschen, die erleben Christus auf der ganz subjektiven Weise. Von ihrem Erlebnis her beginnen sie anderen zu erzählen. Im Nu ist da nicht nur ein Hauskreis, sondern eine kleine Gemeinde. Und diese Gemeinde wächst und gibt sich einen Namen, und irgenwann entdecken sie, da gibt es noch ein paar andere. Es ist schön, wenn es zu diesen eigenständigen Ausprägungen dann kommt, aber es ist äußerst unübersichtlich. Einen anderen Grund gibt es: Im Laufe der Geschichte sind
– biblische Wahrheiten unterbelichtet. So ist z.B. aus dem Missverständnis des Taufsakraments, die Säuglingsbesprengung geworden. So ist durch das Taufsakrament der Heilsweg beschrieben worden. Und damit ist die biblische Wahrheit ausgeblendet worden. Und nun entdecken zu den verschiedensten Zeiten Christen wieder biblische Wahrheiten und beginnen sie zu betonen, beginnen sie notwendigerweise stärker zu betonen, was dann dazu führt, dass man sie hinausdrängt. Bei meinen Studien habe ich gesehen, die Täufer wollten nie eigene Gemeinden. Sie wollten eigentlich die Wahrheit in die Kirche bringen. Der erste Kreis der Taufgesinnten war aus dem Mitarbeiterkreis von Zwingli. Sie legten Zwingli die Ergebnisse ihrer Bibelarbeit vor und sagtem ihm, das ist Lehre Jesu und der Apostel. Zwingli war aber nicht bereit, auf die guten theologischen Argumente einzugehen. Zwingli ließ den Rat der Stadt entscheiden. Und der entschied um der politischen Ruhe willen, alle Kinder sind bis zum 8. Tag zu taufen, und wer das nicht tut, wer anders lehrt, wird aus der Stadt verbannt und verwiesen. Und die Frage war, was machen wir nun unter den Täufern. Und das ist Georg Blaurock gewesen, ein ehemaliger Mönch. Wahrscheinlich hat er den Namen, weil er eine blaue Hose trug. Der ist es gewesen und hat gesagt, jetzt haben wir lange genug beraten. Jetzt handeln wir. Tauft mich, und er hat die anderen getauft. Dann begann ein Evangelisationszug durch die Schweiz, Tirol, nach Süddeutschland, Rheinabwärts, weil Wahrheiten unterbetont waren führte es dazu, dass neue Gruppierungen entstanden. Das war so im Methodismus, das war in anderen Bereichen und das ist auch der Grund, warum es plötzlich im 20. Jahrhundert zur Entstehung der Pfingstbewegung als einer weltweiten Bewegung geführt hat. Weil in vielen Glaubensbekenntnissen nur schlicht steht: Ich glaube an den Heiligen Geist. Aber das ist mit keinerlei Realität, mit keinerlei Erfahrung, mit keinerlei Verbindung zu den Schriftaussagen von Charismen, Geistesgaben und Wirkung verbunden. Die Pfingstler wollten nie eigene Gemeinden. Sie sind hinausdrängt worden. Und deswegen gibt es heute Pfingstler methodistischen Ursprungs, baptistischen Ursprungs, kongregationalen Ursprungs, presbyterialen Ursprungs, jeder Sorte. Und das gilt auch für andere Gemeinden, ein Hinausdrängen, weil man unterbetonte Wahrheiten betont hat. Und dann etwas, was die heutige Situation zeigt. Warum entstehen dann heute immer noch so viele neue Gemeinden? Erst in der letzten Ausgabe von Idea, einige werden das gelesen haben, wird eine Zahl angegeben, dass rund 2000 unabhängige Gemeinden in Deutschland exisitieren, die zu keiner Freikirche, zu keinem Gemeindebund, zu keinem Netzwerk, zu keiner Kirche gehören, und die Zahl wächst rasch. Wie kommt es zu diesen vielen neuen Gemeinde, Gemeinschaftsgründungen? Das mag einerseits ein Ausdruck der Zeitströmung sein, des
– Individualismus, des Subjektivismus. Der Mensch der Moderne ist auf sich konzentriert, auf seine Bedürfnisse, auf seine Erfahrungswelt. Und es darf nachgefragt werden, ob nicht der Individualismus und Subjektivismus dazu führt, dass man heute sich seine Gemeinde aussucht, dass man erst einmal durchs Internet geht und guckt, was ist denn da alles, dass man wie im Supermarkt auswählt, dass bedürfnisorientierte, interessenorientierte und andere Gemeinden entstehen oder Gruppierungen. Und die Frage ist einfach: ist das Kennzeichen einer Zeit mit ihrer Erscheinung. Ist das auf eine Art irgendeine Notwendigkeit, weil zu viele Dinge erstarrt sind, weil so viele Dinge im Traditionalismus sind, weil gewisse Wahreiten unterbetont werden, weil irgendwie hierarchisch Druck ausgeübt wird, oder weil kein Raum da ist? Fragen über Fragen..

Und nun ist die größte aller Fragen da, hat nicht Jesus im Hohenpriesterlichen Gebet für die Einheit der Gemeinde gebetet?

Vater, ich bitte dich, dass sie alle eins seien wie auch wir eins sind. Zunächst müssen wir festhalten: Das ist eine Bitte Jesu an den Vater, nicht eine Bitte Jesu an uns. Das ist das große Missverständnis. Jesus hat uns nirgendswo gebeten, diese Einheit herzustellen, sondern er hat den Vater darum gebeten. Ist denn das Gebet Jesu nicht erhört worden? 25000 verschiedene Gruppen, Gruppierungen oder nehmen wir die 2 – 3000 in Deutschland. Ist Jesu Gebet nicht erhört worden? Am Grab des Lazarus konnte Jesus was sagen? Vater, ich danke dir, dass du mich allezeit hörst und erhörst.
Jesu Gebet ist sehr wohl erhört worden, nur wir müssen es sehen und verstehen. Er betet nicht um eine Einheit, die sich in organisatorischen Formen darstellt. Er betet nicht um eine Einheit irgendwie, die alles unter ein Dach bringt. Er betet nicht um eine Einheit, dass da eine Kirche, die katholische, denn die heißt allgemein letztlich das Dach bildet. Er hat nicht darum gebetet, dass irgendwelche Kirchen und sonstige Bünde entstehen bis hin zu dem Reizwort Ökumene, wo manche dann schon den Leibhaftigen selber wittern. Solange das Wort nur irgendwo genannt wird, und meine Erfahrung ist, dass die immer am entschiedensten dagegen sind, die nicht mal wissen, wie es ausgesprochen wird, geschweige denn geschrieben wird noch was es bedeutet. Aber die sind 100%ig dagegen. Nun, wie auch immer. Ist das Gebet Jesu denn nicht erhört worden? Dass wir solch eine Vielfalt haben? Wir wollen dem ein wenig nachdenken. Als Jesus betete, Vater ich bitte,
– dass sie alle eins seien, wie auch wir eins sind, da macht Jesus deutlich, dass hier nicht ein Prozess gemeint ist, sondern dass hier eine Tatsache deutlich wird. Denn wenn diese Passage so verstanden wird, dass sie alle eins werden, dann müssen wir den 2. Teil der Aussage auch so übersetzen. Und dann heißt es, wie auch wir eins werden. Nun ist es ohne Frage so, dass Vater und Sohn nicht mehr eins werden brauchen, sie sind es. Und deswegen sagt Jesus, dass sie eins seien, wie auch wir eins sind. Das Wort Jesu beschreibt nicht Auftrag, beschreibt nicht irgendeinen Prozess, sondern beschreibt eine
– Tatsache, die er in seinem Erlösungswerk begründet sieht, die aber gefährdet ist durch unser Menschsein mit all ihren Irrungen und Missverständnissen, und die darum seines Gebetes bedarf. Und er betet um dieses Einssein.
— Und dieses Gebet Jesu ist bereits in den wesentlichen Zügen in der 1. Generation der Christen erhört und verwirklicht worden. Wir wollen uns das einmal anschauen. Damit wir Hoffnung, Mut, Perspektive bekommen in dieser Vielfalt, die wir gerade angeschaut haben. Als die Gemeinde Jesu zu
– Pfingsten entsteht, dass es zunächst ein Kreis von 120, alle im Judentum total beheimatete Menschen, die zugleich Jünger Jesu sind. Als Petrus in der Kraft des Heiligen Geistes predigt, da geht es tausenden durchs Herz, und sie fragen, was müssen wir tun? Und Petrus sagt, tut Buße, kehrt um, ändert euer Denken, und lasst euch taufen, nicht zur Vergebung der Sünden, wie unsere Übersetzungen deutlich machen, sondern eigentlich, in Folge, oder in Bezug auf. Lasst euch taufen, so werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen, die euch und euren Kindern und allen, die hinfort hinzukommen werden, gehört. Damit macht Petrus etwas deutlich, dass mit der Annahme des Heilswerkes ein Zusammenfügen zur Familie Gottes geschieht durch den Heiligen Geist, denn die Menschen, die so fragen, sind zwar alle im Judentum beheimatet, aber nicht mehr im Kernland Israel, sondern sind Diasporajuden auf dem breiten Feld des Römischen Reiches, Kleinasien, Norafrika bis hin nach Rom. Und an diesem Tag geschieht nicht nur, dass Menschen zu Jesus kommen, sondern an diesem Tag geschieht eine Einheit von Menschen, die in verschiedensten Kulturen leben. Gemeinde Jesu wird in der Einheit geboren. Dann im weiteren, Jesus hatte ja gesagt, ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, ihr werdet meine Zeugen sein, in Jerusalem, in Judäa, in Samaria, bis an die Enden der Erde. Es waren nicht die Apostel, die die engen Grenzen des Judentums verließen, es war der Diakon
– Philippus, der auf Reden des Heiligen Geistes dem Finanzminister von Äthiopien begegnet, einem Mann fremder Nationalität, einem Mann aus einem ganz anderen Kulturbereich, aber einem Mann mit einer tiefen Sehnsucht, und der auch die Mittel hatte, sich eine Jesajarolle zu kaufen. Das kostete damals ein Vermögen. So saß er auf der Rückreise in seinem Reisewagen und las laut. Und Philippus fragt: Verstehst du auch, was du liest? Und er sagt, wie sollte ich, es ist niemand da, der mir das erklärt. Philippus setzt sich zu ihm, erklärt ihm Jesaja 53. Es kommt zur Lebensübergabe und zur Taufe. Und hier wird wieder ein Stück Erhörung des Gebetes Jesus, der erste aus einem fremden Kulturkreis, der erste aus einer fremden Nationalität, aus dem Nichtjudentum, zwar offensichtlich jemand, der als Proselyt einen Weg suchte. Wird hinzugetan zur Gemeinde und diese Grenzen waren sehr sehr viel größer, als wir uns das vorstellen können. Gleich danach wird Philippus wohin geführt? Nach Samaria. Samariter galten für Juden nicht als vollwertig. Und die erste Gemeinde zu Jerusalem waren nur Juden, und die dachten jüdisch, die handelten jüdisch und blieben nur unter Juden. Es ist Philippus, der nach
– Samaria geht, eine jüdische Mischbevölkerung, die auf Grund der Wegführung der 10 Stämme durch die Assyrer und der Heranführung anderer Völker vermischt war, die zwar noch Reste des alten mosaischen Kultes hatte, die aber unter den Juden als nicht vollwertig galten. Philippus verkündigt das Evangelium, Menschen bekehren sich, lassen sich taufen, die Apostel kommen, beten mit ihnen, dass sie den Heiligen Geist empfangen als Kraftausrüstung für das Chrisentum. Und Samariter werden zur Gemeinde Jesu hinzugetan. Ich weiß nicht, ob sie den Kulturschock jetzt nachvollziehen können, der in Jerusalem passiert ist. Als man hörte: Samariter haben sich bekehrt. Und jetzt hat doch der Philippus die Vermessenheit, die Apostel zu bitten, nach Samaria zu gehen und mit diesen Menschen zu beten. Sie tun es. Und ein Stück der Einheit Jesu wird deutlich. Und dann kommt der Knackpunkt der Geschichte, der absolute Höhepunkt dieser Geschichte. Wissen sie, dass die Gemeinde zu Jerusalem eine ausgewachsene massive Irrlehre vertrat? Die waren nämlich der Meinung, man müsse erst Jude werden, ehe man Christ werden kann. Man müsse sich beschneiden lassen und unter das Gesetz treten, ehe man Jesus als Retter erleben kann. Sie blieben wie mit Scheuklappen behaftet im Judentum, obwohl Jesus ihnen sagte: Ihr werdet meine Zeugen sein, nicht nur in Jerusalem, nicht nur in Judäa, nicht nur in Samaria, sondern bis an die Enden der Erde. Und diese Meinung, man muss erst Jude werden, man muss unter das Gesetz treten, dann kann man Christ werden, wird jetzt von Gott selber durch den Heiligen Geist erschüttert.
– Petrus befindet sich in einem Haus. Er wartet auf das Mittagessen, steigt auf´s Dach und betet.
Und hat während dem Gebet drei Visionen vom Himmel. Er sieht ein Gefäß wie ein Tuch, gefüllt mit unreinen Tieren, hört eine Stimme: schlachte und iss. Und Petrus, ganz Jude: Nein Herr, nie ist etwas Unreines in meinen Mund eingegangen. Jude pur. Drei mal. Und Petrus hält das Ganze für 3 Versuchungen vom Teufel. Dann redet der Heilige Geist, und von draußen hört er eine Einladung, auf der Straße stehen Männer und fragen: Ist in diesem Hause Petrus? Ja. Im selben Moment spricht der Heilige Geist: Geh mit ihnen. Petrus kommt runter und sagt: was ist? Unser Herr, ein römischer Hauptmann hat in Cäsarea einen Engel gesehen, der hat zu ihm gesprochen, wir sollen hierherkommen, dich rufen, damit du in das Haus kommst und uns alles verkündigst, was wichtig ist. Jetzt stand Petrus vor der größten Krise seines Lebens. Als Jude war ihm verboten, die Schwelle eines Hauses eines Heiden zu übertreten. Als Jude war ihm verboten, mit Heiden Gemeinschaft zu haben. Und Petrus, bevollmächtigter Apostel, dessen Schatten die Kranken heilte, steht in dieser Frage der Zerrissenheit. Aber er gehorcht. Ich wäre gerne auf diesem Fußweg nach Cäsarea dabeigewesen. Ich hätte den Petrus gerne gefragt, was ihn alles bewegt hat. Jedenfalls, als er in das Haus des Kornelius kommt, ich kann mir vorstellen, er hat nochmal bewusst gezögert, als der letzte Schritt dort ins Haus kam, und die sechs Begleiter, die haben die Luft angehalten. Sie haben gedacht: das ist das Ende der Karriere vom Petrus, jetzt ist er gestorben für die Gemeinde zu Jerusalem. Petrus kommt hinein, der Hauptmann grüßt ihn und sagt: Gott hat einen Engel gesandt, hat den Auftrag gegeben, dass du kommen sollst, weißt du, Gott kommt auch zu den Heiden, und nun verkündige uns alles, was Gott dir aufgetragen hat. Lesen sie doch bitte mal nach in der Apostelgeschichte. Petrus beginnt zu predigen in typisch jüdischer Manier holt er sehr weit aus. Ich weiß nicht, was er noch alles predigen wollte, aber den letzten Satz, den er predigen kann, der ist bezeichnend. Schauen sie bitte mal in ihrer Bibel nach. Er kann nur noch einen letzten Satz predigen und der ist bezeichnend. Er sagt nämlich.

Diesem Jesus von Nazareth bezeugen alle Propheten, dass in seinem Namen Vergebung der Sünden gepredigt wird.

Da sagt der Heilige Geist: Danke, das genügt. Mehr brauchen wir nicht. Und im selben Augenblick, wo Menschen hungrig nach dem Heil fragen, Jesus annehmen, erleben sie das Heil, werden mit dem Heiligen Geist gefüllt und Charismen treten in Aktion. Petrus steht da. Genau wie bei uns. Also macht Gott keinen Unterschied mehr zwischen denen, die zu Israel gehören, unter dem Gesetz und beschnitten sind, im Bündnis stehen und denen, die draußen sind, die nicht dazugehören, die keine Leistungen haben. Und Petrus entdeckt zum ersten Mal die Einheit der Gemeinde Jesus auf dem Boden der Gnade durch Glaube. Und so sagt er, was hindert´s. Diese Menschen, zu denen Gott sich bekannt hat, die an Jesus glauben, wir taufen sie zum Zeichen, dass sie Jesus erlebt haben. Und jetzt stellen sie sich mal vor, dieser gute Petrus kommt nach
– Jerusalem zurück. Da ist eine große Lob- und Dank-konferenz, ja? Nein, in meiner Bibel steht´s nicht. Da gab´s Gnatsch, Streit und Zank. Wer schon mal in Israel war, und wer Israelis oder Juden erlebt hat, die haben ne Streitkultur kann ich ihnen sagen. Da geht´s her und wer jetzt mal ein bisschen mitbekommt, was im Parlament los ist, da geht´s ja oft sehr handfest zu, manchmal kriegt man ja im Fernsehen Ausschnitte dabei, wenn die sich sogar als Parlamentarier prügeln. Die Juden haben schon in ihrer charakterlichen Ausprägung, die haben schon eine Streitkultur. Und glauben sie ja nicht, dass es in Jerusalem so friedlich zuging. Da war Zoff angesagt, aber hoch 3. Und es sah so aus, als wäre die Karriere für Petrus zu Ende. Und als er sich dann endlich Luft schaffen kann und sagt, ich kann doch auch nichts dafür, das war Führung Gottes, das war Handeln Gottes. Und er berichtet das. Und so kommt es zu einem Konsenz, dass die Jerusalemer Gemeinde merkt: Einheit in Jesu ist nicht abhängig von Vorleistung, ist nicht abhängig von Dingen, die wir tun, von unseren Meinungen, von unseren Traditionen, von den Dingen, begründet in Jesus. Das Gebet Jesu erfüllt es. Paulus ist eine einzige Gebetserhörung: Ein Jude bis ins Knochenmark, ein Pharisäer der Superklasse. Er schreibt, ich habe alle übertroffen. Ihn krempelt Jesus um. Er begegnet ihm vor Damaskus. Herr, wer bist du? Ich bin Jesus, den du verfolgst. Die 2. Frage ist: Was willst du, dass ich tun soll? Bezeichnend, das ist bei einer echten Bekehrung immer die zweite Frage, nicht: Herr, was gibst du mir jetzt, sondern die richtige 2. Frage ist: was willst du denn jetzt, dass ich tue. Und Paulus geht einen Weg, als Jude durch und durch, als Schrifgelehrter, als Kenner des Judentums, der Einheit in Jesus. Er ist es, der die Wahrheit verträgt, dass nicht nur Juden, sondern auch Nationen, nicht nur unter dem Gesetz, sondern auch außerhalb dem Gesetz, nicht nur im Bündnis, das Gott mit Israel gemacht hat, sondern im Neuen Bund, den Gott gemacht hat, das sie alle eins gemacht sind.
– Paulus ist mit seiner Person und mit seiner Lehre eine einzige Erhörung. Wir haben in der Schriftlesung aus dem Epheserbrief gelesen, und dieser Brief hat ja die Einheit zum Thema. Da lesen wir im Kapitel 2, 11 – 36, da sagt Paulus: Ihr, die ihr einst weit weg wart, ihr seid nahe geworden. Er hat eins gemacht, die aus Israel und die aus den Nationen. Er hat beide zu einem neuen Menschen gemacht. Er hat sie in einem Leib vereint durch einen Geist. Und in Kapitel 3,6 schreibt er: So sind nun auch wir aus den Nationen Miterben, Miteinverleibte, Mitteilhaber. Die Einheit der zwei größten trennenden Elemente, die es überhaupt gibt, nämlich die Einheit des Judentums, und der Jude hat bis zu dieser Zeit immer gebetet: Gott, ich danke dir, dass ich kein Heide bin, sondern dass ich zu deinem auserwählten Volk gehöre. Die Juden bezeichneten die Heiden als Goj, als Hunde. Und jetzt erfüllt sich das Gebet Jesu, der Einheit zwischen diesen beiden regelrecht verfeindeten Gruppen. Und es kommt zu einer
– Einheit im Geist. Und jetzt müssen wir aufmerken, das ist die Einheit der wiedergeborenen Kinder Gottes. Eine sonst irgendwie geartete Einheit im Rahmen von Kirchen, im Rahmen von Kirchenzusammenschlüssen, im Rahmen von Konfessionsbünden, im Rahmen von irgenwelchen ausgleichenden Verträgen gibt es diese Einheit nicht. Es gibt sie nur auf dem Boden des gemeinsamen Heils, in der gemeinsamen Erfahrung des Kind Gottes Werdens. Und hier gilt das, was ich heute morgen bereits zitierte: Ich kann nicht weniger Brüder und Schwestern haben, als mein Vater im Himmel Kinder hat. Und das ist in Jesus begründet. Das Gebet Jesu ist bereits in der ersten Generation so massiv erhört worden, dass für jede weiter Generation bis auf uns heute gekommen, diese Erhörung eigentlich gegeben ist. Wir müssen nicht Einheit schaffen, sondern wir müssen diese Einheit erkennen. Wir müssen diese Einheit entdecken trotz der Vielfalt. Und wir müssen diese Einheit wahren trotz der vielfältigen Unterschiede.
— Welche Schritte gibt es denn da in dieser Vielfalt der Gruppierungen, in der Vielfalt der Ausprägungen, in der Vielfalt der Charaktere, die wir Christen nun einmal sind. Zunächst: Wir müssen einander
– kennen lernen. Wir müssen miteinander reden. Wir müssen miteinander beten und singen, kennenlernen. Eine Frage: Wieviel Christen anderer Konfessionen, Kirchen Gemeinschaften oder sonstiger Gruppierungen kennen sie denn. Wir Christen haben manchmal so eine Neigung, die eigene Gruppe für absolut zu setzen. Wir haben manchmal die Neigung, den eigenen Interessenkreis als Horizont unserer geistlichen Sicht zu sehen. In meinem norddeutschen Heimatbereich nennt man sowas im Klüngel, oder im Kölner Bereich wird das auch so gebraucht. Einheit im Leib Jesu entdecken heißt, miteinander reden. Ich darf ihnen sagen, ich habe eine denkwürdige Erfahrung gemacht. Als im Zuge des charismatischen Aufbruchs ich davon hörte, dass in den verschiedensten Kirchen Menschen Erfahrungen mit Jesus machen, und dass sie in wunderbarer Weise sein Bezeugen erleben, da habe ich zu meinem Gott im Gebet gesagt: das kannst du doch nicht machen. Die sind doch so und die sind doch so und die sind doch so, und die glauben das. Und da hat Gott mir im Gebet so regelrecht verständlich in meinem Innern gesagt: das sind hungrige Menschen. Diese erfülle ich, nicht ihre Dogmatik, nicht ihre Vorstellung, nicht ihre Tradition, nicht ihre Prägung. Na ja gut, ich hab´s geschluckt und hatte bald darauf eine ganz praktische Umsetzung. Ich lernte bei einer Arbeitskonferenz einen renommierten katholischen Theologieprofessor kennen, der Theologie und Moralphilosophie an der katholischen Hochschule in Sankt Georgen bei Frankfurt. Wir kommen so ins Gespräch, zudem noch Jesuit, und ich habe so in meiner typischen, damals noch jüngeren Art dann gleich all die Dinge auf die Hörner genommen, die man dann ja so vor sich hat, wenn das rote Tuch sich da entfaltet. Und mein Gegenüber hörte mir lächelnd zu. Und dann hat er mich in der typischen jesuitischen Kasuistik von einem Glatteis auf´s andere geführt, dass ich gedacht habe, oh das ging daneben. Dann schaute er mich noch einmal lächelnd an und sagte: Bruder Krüger, lassen wir doch das. Glauben sie nicht, dass jemand, der 25 Jahre lang bestimmte Gebetsübungen, traditionelle Andachtsübungen nicht der Form halber macht, sondern aus tiefstem Herzen und aus Liebe zu Gott und zu Jesus, dass er etwas erlebt? Ich schaute ihn an und sagte, ja, das will ich wohl glauben. Dann erzählte er mir von seiner Erfahrung. Und ich hörte zu und dann sagte er, wollen wir uns daran nicht gemeinsam freuen und miteinander beten. Für mich war es auf einmal die Erfahrung, ich entdeckte Einheit obwohl kirchentraditionalistisch alles dagegen stand. Was habe ich mit ihm debattiert, Marienfrömmigkeit und Sakramentwesen und all dieses. Er sagte, lassen wir doch das alles beiseite. Lassen sie uns doch miteinander zu Jesus beten. Für mich war es eine Lektion. So ging es mir auch auf evangelischer Seite. Da habe ich Pfarrer kennengelernt, und ich bin von meinen Eltern her eigentlich Freikirchler, alles kirchliche das war für mich zunächst mal suspekt. Und da lerne ich Leute kennen, und natürlich kam ich dann gleich wieder auf die kritischen Punkte, aber auf einer solchen Zusammenkunft, nachdem wir lange und heiß debattiert hatten, da war abends eine Gebetszeit angesetzt. Wir gingen in der Tagungsstätte, so ein Gewölbekeller war hergerichtet als Kapelle und da hatten wir eine Gebetszeit, und da war ein evangelischer Pfarrer, der schaute uns an und dann sagte er; macht doch bitte Platz, ich möchte beten. Ich sagte, wie? Ja, ich möchte mich wirklich von Herzen Gott gegenüber äußern. Da stand ich daneben und dachte, hej, den Mut hätte ich nie gehabt, einfach zu sage, ich möchte jetzt ganz frei vor Gott hintreten. Und wir hatten eine Gebetsgemeinschaft, ich lernte ihn nachher kennen, mit ihm sprechen und da sagte ich, erzählen sie mal. Und dann erzählte er von seiner Gotteserfahrung. Wenn ich heute Christen aus anderen Kirchen treffe, dann suche ich nicht all die Dinge heraus, die uns trennen, sondern meine erste Frage ist: Erzählen sie doch mal, wie haben sie denn Gott erlebt, wie ist ihnen Jesus begegnet, was ist in ihrem Leben passiert. Und sie glauben gar nicht, wie viele Stunden ich da zusammengesessen habe und begeistert zugehört. Ich habe einen lieben Freund, Pfarrer in Darmstadt. Wir haben einmal über die Taufe gestritten. Und da haben wir gesehen, jeder hat seine Position. Und dann haben wir gesagt, wir wollen uns an dem heiligen Jesus freuen. Jedesmal, wenn wir heute zusammenkommen, unterhalten wir uns über diese Dinge. Einheit muss entdeckt werden und da muss man sprechen. Fragen sie doch den anderen. Was haben sie mit Gott erlebt, mit Jesus erlebt? Und berichten sie selber davon, was sie mit Gott und mit Jesus erlebt haben. Vielleicht wird das ja an sie das große Fragezeichen. Vielleicht liegt das ja alles so weit zurück, die Erfahrung mit einem lebendigen Gott. Vielleicht kennen sie ja auch nur Tradition, während der Gegenüber von Gotteserfahrung aus jüngster Zeit berichten kann. Beten sie miteinander. Das ist immer das beste Kriterium. Mit manchen kann man nicht beten. Man hat mir oft vorgeworfen, auch von unserer Kirchenseite: Du gehst in die Konferenz und bezeichnest sie alle als Brüder. Ich sage ja, Amtsbrüder. Mit meinen richtigen Brüdern und Schwestern, da bete ich. Und da zeigt sich das dann sehr schnell. Oder miteinander singen, miteinander das
– Zeugnis der Gotteskindschaft austauschen. Und da habe ich eines entdeckt, und das ist die
– Ökumene des Geistes. Was heißt denn Ökumene? Das ist ein griechischer Begriff für die Gesamtheit der Bewohner der Erde, für die Menschheit insgesamt. Und eine Ökumene des Geistes meint alle die,
– die Jesus Christus erlebt haben, deren Herr Christus geworden ist, die mit ihm leben. Und das kann noch in verschiedenen, unvollkommenen, unkorrekten, in offensichtlich hindernden Kirchenformen geschehen. Aber, die Gemeinschaft wird entdeckt. Man kann miteinander beten und auch
– in der Liebe tragen. Hebt das den Wahrheitsanspruch auf? Nein, nein, aber Wahrheit ohne Liebe ist immer hart, aber Wahrheit in Liebe ist gewinnend. Wahrheit in Liebe, das drückt das Wesen Jesu aus. Und Jesus betet darum, Vater, dass sie alle eins seien, wie wir auch eins sind. Und Jesus betet, nimm sie nicht aus der Welt, sondern bewahre sie in der Welt, dass sie klare Positionen haben, und lasst diese Gemeinsamkeit sichtbar werden. Meine eigene Biografie hat mich über Jahre gelehrt, dass ich vielerorts ausgegrenzt worden bin. Und ich habe das verinnerlicht. Wie in einem Ghetto bin ich immer an der Innenseite der Mauer gelaufen. In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind durch die Gnade Gottes viele Mauern gefallen, aber ich habe einige Zeit bemerkt, dass ich immer noch denselben Weg laufe, obwohl Mauern nicht mehr da sind. Wo mein Herr mir dann sagte, tritt doch heraus. Und so sehe ich heute ein Wirken des Heiligen Geistes zu einer Ökumene der Wiedergeborenen, zu einer Ökumene derer, in deren Leben der Heilige Geist wirkt, zu einer Ökumene des Volkes Gottes. Es überrascht mich auf meinen Reisen in Korea, in Amerika, in Afrika, in Sibirien und wo immer, sobald ich Kinder Gottes treffe, da war auf einmal eine Basis da. Und das ist das Werk, das heute der Heilige Geist tut. Der Weltkirchenrat, das ist etwas Organisatorisches. Davon verspreche ich mir nicht viel. Die anderen Formen, die da sind, das sind organisatorische Formen, haben manchmal was nützliches, oft was hinderliches, aber die eigentliche Einheit, die geschieht untereinander. Und ein Stück davon passiert heute Abend. Vor 20 Jahren wäre es völlig undenkbar gewesen, dass ich hier in ihrer Mitte hätte sein können und sprechen. Heute ist das möglich geworden. Ich freue mich jedesmal darüber, euren Präses und die anderen Brüder jeweils im Präsidium der Vereinigung evangelischer Freikirchen zu treffen,
– miteinander zu beten, Gott loben, ihn preisen, und mittlerweile
verbreitet sich ein immer stärkeres Wissen, dass Gott dabei ist,
etwas zu tun, das den Rahmen aller organisatiorischen Dinge sprengt.
Das ist meine Vision, meine Überzeugung, Zerrissenheit wird nicht
durch organisatiorische und dogmatische Einigung überwunden, sondern  durch eine Ökumene der Kinder Gottes durch seinen Geist. Denn  wenn der Zeitpunkt kommt, wo unser Herr Jesus Christus seine Gemeinde  von dieser Erde nehmen wird, wird er sie nicht mehr nach Konfessionen  sortieren, wird er sie nicht mehr nach Traditionen einstufen,  wird er sie nicht mehr nach all diesen Begrenzungen sehen, sondern  er wird sie auf dieser Einheit des Geistes als seinen Leib nehmen.
Und der Leib ist ein Ganzes. Einheit entdecken, Einheit umsetzen,
Einheit leben und in Einheit auf unseren Herrn zugehen, das macht
Christsein heute spannend. Jemand sagte, Christsein ist doch langweilig.
Und ich sagte,  sie haben keine Ahnung, wie spannend das ist, was Gott heute alles  am tun ist. Und ein Wesensmerkmal ist: Die Einheit der Kinder  Gottes im Geist. Amen


Breitscheid, d. 13.11.05
Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Richard Krüger, Erzhausen b. Darmstadt

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