Ethik

Wer ist der Mensch?
Ethikfrage im Kontext der Gentechnologie

Liebe Gemeinde, meine sehr geehrten Damen und Herren,
Ich habe ihnen zunächst eine Gliederung vorzustellen, wie mein Vortrag strukturiert ist, zunächst

die Standortfrage

 

Besteht in den Wissenschaften überhaupt Ethikbedarf?

 

Was ist zu tun? Wer ist der Mensch?

 

Werte und Lebensziele aus christlicher Sicht.

 
In diese drei Teile sind meine Ausführungen gegliedert, und der erste Abschnitt,

Standortfrage der Wissenschaften,

da mögen sie vielleicht die Frage stellen: Was hat das mit uns zu tun? Wo steht die Wissenschaft, wie entwickelt sie sich, wo sind Gefährdungen und Risiken? Hat das mit uns etwas zu tun, mit unserer Glaubenskonferenz hier?
Genau das möchte ich ihnen im Verlauf des Vortrags aufzeigen, dass wir sehr wohl als Christen davon betroffen sind, dass wir gut daran tun, uns darum zu kümmern. Ja, die Standortfrage:

Besteht in den Wissenschaften Ethikbedarf?

Hier erleben wir, wir können das auch täglich den Medien entnehmen, derzeit eine geradezu explosionsartige Zunahme an Wissen. War es doch so, dass bis vor wenigen Jahrzehnten im Wesentlichen Fortschritte der Technik und der Physik im Zentrum des Interesses standen, verbunden natürlich auch mit einer Ethikdiskussion, die sich aber im Wesentlichen beschränkte auf die Diskussion von Technikfolgen, Folgen der Kernkraft und ähnliches. Aber dies hat sich innerhalb von relativ kurzer Zeit grundlegend gewandelt.

Ganz neue Erkenntnisfelder sind hinzugekommen. Beeindruckende Entwicklungen erleben wir derzeit auf dem Gebiet der Biotechnologie und auch der Informationstechnologie. Die Darstellbarkeit der Bausteine, Reihenfolge der Bausteine des menschlichen Erbmaterials und die Genomanalyse sei hier als Beispiel genannt. Oder die in unserem Land so heftig umstrittene grüne Gentechnik. Für manche Wissenschaftler und Politiker unentbehrlich, um dem Welthungerproblem entgegenzuarbeiten, sehr natürlich im Grunde unterschiedlich und diskrepant, mit einer großen Diskrepanz diskutiert. Ja, diese Dinge haben unsere Welt nachhaltig verändert, aber auch die Informationstechnologie und nicht nur durch Handy und Internet. Auch durch die Informationstechnologie, sind aber mir auf den zweiten Blick gesehen, bei der Gentechnologie ist das offensichtlicher. Auch die Informationstechnologie hat viele viele Gefährdungen, die eine ethische Auseinandersetzung unentbehrlich macht. Sie können, und heute global, nicht wie früher im kleinen Umfeld, können sie durch gezielt gestreute Informationen, zurückgehaltene Informationen, falsch eingesetzte Informationen in einem Maß manipulieren, was in hohem Maße problematisch ist und zu katastrophalen Folgen führen kann. Gut, das als Nebenbemerkung.  

Mit diesen beiden großen Wissenschaftsfeldern Gentechnologie und Informationstechnologie sind auch ganz neue Berufsfelder entstanden, etwa die Informatik mit den dazugehörigen Technologien, und auch natürlich im medizinischen, pharmazeutischen Bereich Konsequenzen, die sich aus der Gentechnologie und Gentechnik ergeben.

Über neue spannende wissenschaftliche Entwicklungen ließe sich eine Menge sagen, da könnte man stundenlang drüber reden. Daneben tritt aber ein anderer Aspekt zunehmend ins Blickfeld, denn merkwürdigerweise, geradezu paradoxerweise haben sich mit den neuen Entwicklungen, mit dem gewaltigen Anhäufen von Wissen zugleich große Felder an Unbekanntem aufgetan. Man hat das Gefühl, ein Problem ist gelöst, zwei, drei neue sind entstanden.

Insbesondere drängt sich, und ich denke, wir alle haben immer auch wieder diese Gedanken, insbesondere drängt sich die Vermutung auf, als könnten die Wertevorstellungen der Gesellschaft nicht schritthalten. Mehr noch, es könne hier geradezu zu Dammbrüchen bei den Normen und Werten kommen. Hand in Hand beobachten wir zunehmend eine Verunsicherung in der Gesellschaft und nicht nur in unserem Land, sondern weltweit. Und das nicht nur seit dem 11. September 2001.

Verunsicherungen im Blick auf die Fragen:
Wer bin ich, angesichts von Terror, von begrenzten Ressourcen, Bevölkerungswachstum oder in unserem Land Überalterung der Gesellschaft?

Wer bin ich?
Was ist der Sinn meines Lebens?
Welche Zukunftsperspektiven habe ich?

Oder derzeit sehr heiß diskutiert die Frage:

Wann beginnt eigentlich das menschliche Leben?

Mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle? Mit der Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter? Oder wie in Israel Standardmeinung, nach drei Monaten, wenn die wesentlichen Organe des Embryos ausgebildet sind? Oder beginnt Leben erst nach der Geburt? Ab wann ist es schützenswert?

Es ist sehr erstaunlich, sich mal die Rechtslage genau anzugucken. Ein Arzt, der 5 Minuten vor der Entbindung einen Schwangerschaftsabbruch macht, findet eine ganz andere Rechtslage vor, als 5 Minuten nach der Entbindung. Aber das ist ein Thema, ich denke da werden sie heute Abend von Herrn Dr. Aßmann noch einiges dazu hören.

Mir fiel ein, als Pastor Uhlig den Psalm von David gelesen hat, wie anders doch unsere Sicht ist, dass Gott schon längst, bevor es zur Befruchtung von Ei und Samenzelle kommt, eine Vorstellung, eine Vision von uns als Menschen hat. Ich denke, das ist etwas, was wir als Christen auch in der Diskussion, wann beginnt menschliches Leben, einzubringen haben, wir gefordert sind. Hier sollten wir klar Position beziehen. Ich finde alle diese Fragen, und auch insbesondere die, die heute genau so kontrovers diskutiert wird, ab wann beginnt Menschenwürde.  

Was ist Menschenwürde überhaupt?

Ist Menschenwürde an Bewusstsein gebunden, an Entscheidungsfähigkeit des Menschen? Es gibt Leute, die sind allen Ernstes, sowohl im einen Fall als auch im anderen Fall der Meinung, nur ein Mensch, der Bewusstsein hat, also nicht etwa im Koma sich befindet, hat Menschenwürde. Haben geistig behinderte Menschen, haben Menschen im Koma, haben Embryonen Menschenwürde? Es gibt viele, auch einflussreiche Leute in Politik und Wissenschaft, die genau das absprechen. Ich denke auch das ist einen Dialog wert, wo wir als Christen Rede und Antwort stehen sollten.

Ich möchte diesen Fragenkatalog erweitern. Können wir damit rechnen, dass die Embryonenforschung zu einer Therapie der Alzheimer Krankheit und von Parkinson führt. Oder wird hier vielleicht viel zu früh leichtfertig Heilung versprochen, wo eine wissenschaftliche Absicherung derzeit noch weit entfernt ist. Es ist erstaunlich, dass insbesondere die Regenbogenpresse ganz rasch solche Meldungen aufgreift und interpretiert in einem Sinn, wo eine wissenschaftliche seriöse Absicherung noch meilenweit entfernt ist davon. So warnt der Vorsitzende des nationalen Ethikrates, Herr Semitis vor der Annahme, die Wissenschaft stände kurz vor einem Umbruch, vorschnell und damit wissenschaftlich unseriös. Wird hier von der Entschlüsselung des menschlichen Genoms gesprochen, erst vor 14 Tagen hatten wir wieder eine positive Meldung, dass man immer mehr Bausteine in dieser Kette besser erkennen konnte und einige zusätzliche Informationen hatte. Aber von Entschlüsselung des menschlichen Genoms ist man weit entfernt. Das ist ein Begriff, der in die Irre führt.

Ich zitiere hier Feuerstein: „Aus der Anordnung der Nukleinsäurebausteine, die im Wesentlichen geklärt ist, lässt sich die Funktion der Gene nicht ableiten. Sie erschließt sich nur im Kontext des Organismus selber. Wie schnell und wie weitgehend darüber hinaus das komplexe Wechselspiel zwischen Genen und Umweltfaktoren einer Analyse zugänglich sein wird, bleibt abzuwarten.“ Soweit Feuerstein.

Vielleicht gibt es ja, und das hoffen wir als Christen, wir haben Anlass zu dieser Hoffnung, vielleicht gibt es neben der Embryonenforschung geeignetere und ethisch weniger bedenkliche Wege, die zur Lösung der genannten Probleme führen, etwa an hand von körpereigenen Stammzellen, die man aus der Nabelschnur auch gewinnen kann. Doch selbst dann, wenn Embryonenforschung zu den erhofften Zielen führt, bleibt die Frage, sind wir denn eigentlich berechtigt, ein Ersatzteillager mit Embryonen, ich möchte etwas sarkastisch hinzufügen, noch dazu mit solchen aus dem Ausland, anzulegen, potenzielles Leben zu vernichten und Leben gegen anderes Leben aufzurechnen.

Neben diesen allgemeinen Verunsicherungen ist die Vorstellung sehr realistisch, wenngleich, wie ich meine, beängstigend, dass sich in unserer säkularen Gesellschaft immer Forscher finden, die aus irgendwelchen Gründen nichts, aber auch gar nichts daran hindern kann, zu tun was technisch möglich ist oder was ihnen nützlich erscheint.
Denken sie an den italienischen Mediziner vor ein zwei Jahren, der relativ häufig die Presse eigentlich erreicht. Sein ganzes Bemühen dient dem Klonen von Menschen. Und er hat vor einem guten Jahr sogar die britische Regierung gezwungen, rasch eine Gesetzeslücke zu schließen, die das Klonen von Menschen verbietet.
Ein weiteres Beispiel ist das amerikanische Unternehmen IECT, das angeblich bereits den ersten menschlichen Embryo im Frühstadium geklont hat, auch vor etwa einem Jahr durch die Presse gegeistert und trotz internationaler Proteste Fakten geschaffen hat, wobei sich die Frage stellt, warum ist es so ruhig geworden. Wir haben also bisher nichts mehr gehört nach etwa ein bis zwei Jahren, zum guten Glück.

Für manche, und das ist vorher schon in ihrem Beitrag, Her Uhlig, angeklungen, für manche scheint auch die Verlockung des perfekten Designerkindes bei der Geburtenplanung eine interessante Perspektive zu sein.
In der Apothekenumschau fand sich vor einiger Zeit ein Artikel über eine repräsentative Umfrage: Kind nach Maß. Bitte lassen sie die Zahlen auf der Zunge zergehen. Danach würden 3,8 Millionen Deutsche das Erbgut ihres Kindes verändern lassen, um bestimmte charakterliche Eigenschaften gezielt zu fördern. 4,5 Mill. Deutsche würden Manipulation am Erbgut ihres Kindes zulassen um die Anlagen schwerer Erbkrankheiten auszuschalten, um bestimmte Talente zu fördern, um das Aussehen und das Geschlecht des Kindes festzulegen.

Vielen Menschen, und ich denke uns allen, geht es ähnlich, geht es so, dass sie einerseits fasziniert sind von den Fortschritten der Wissenschaft, andererseits aber Ängste haben, Sorgen geweckt werden. Ich wiederhole, in der Biologie haben wir derzeit spannende Entwicklungen, insbesondere weist die Genomanalyse beachtliche Erfolge auf. Hier ist man vielleicht den Ursachen von Krankheiten und deren Bekämpfung auf der Spur, etwas, was wir ja sicher alle wollen, aber nicht um jeden Preis, denke ich.

Gleichzeitig sind etliche Biologen versucht, menschliches Erbgut zu manipulieren mit unvorhersehbaren Risiken. Und das häufig bei ethisch sehr bedenklicher Grundhaltung. Ich muss gestehen, die ärgert mich immer wieder. Wenn wir es nicht tun, dann tun es andere. Wenn man uns nicht uneingeschränkt forschen lässt, dann gehen wir ins Ausland. Also diese erpresserische Grundhaltung halte ich für unwürdig für einen Wissenschaftler. Wir sind beim 2. Abschnitt:   

Was ist zu tun?

Ich denke, die eingangs von mir gestellte Frage, besteht Handlungsbedarf für Ethik in den Wissenschaften, hat sich wohl von selbst beantwortet. Die Wissenschaft braucht ganz, ganz dringend Orientierungshilfe.

Ich zitiere den ehemaligen württembergischen Wissenschaftsminister Herrn von Trotha: Es besteht ein großer Konsens in der Gesellschaft, dass es nicht allein der Eigendynamik von Wissenschaft und Technik, ich füge hinzu (dem Ehrgeiz, dem Forscherdrang, der Neugierde des Forschers) überlassen bleiben darf, Tempo und Ergebnisse der Forschung zu bestimmen. Es müssen auch gesellschaftlich formulierte Ziele und Grenzen berücksichtigt werden.

Ich hatte eingangs die Frage gestellt,
was hat das alles mit uns zu tun.

An uns richtet sich die Frage, sind wir beteiligt bei diesem Prozess. Oder geht diese Entwicklung an uns vorbei? Es könnte sein, dass sich gesellschaftliche Prozesse und Entwicklungen abspielen, wo wir am Ende entsetzt sind, dass das und jenes eintreten konnte und wir wie das Kaninchen auf die Schlange starren, um entsetzt zu sein und uns dann vorwurfsvoll die Frage stellen, haben wir das nicht früher bemerkt? Haben wir nicht früher unsere Position deutlich gemacht. Sowohl die Wissenschaft, ich möchte das nochmal wiederholen, als auch unsere Gesellschaft braucht Orientierungshilfe, braucht Werte, braucht Normen, braucht Maßstäbe.

Und ich denke, wir haben als Christen einiges zu bieten. Ich komme auf diesen Punkt später nochmal zurück. Das hat mit uns zu tun. Bitte verschlafen sie diese Entwicklung nicht. Wie gesagt, Bedarf an Ethik besteht. Viele Wissensbereiche haben bereits eine eigene Ethik. Jede Universität und Hochschule, die eine medizinische Fachrichtung hat, ist gezwungen und zwar per Gesetz, eine Ethikkommission für Medizin einzurichten. In anderen Wissenschaftsbereichen ist das der einzelnen Hochschule überlassen. Es gibt Universitäten, die eine Ethikkommission haben für Wirtschaftsethik, Technikethik, Bioethik usw. Wir haben in Kassel, sie hatten ja erwähnt, dass ich längere Zeit den Vorsitz unserer Ethikkommission hatte. Wir haben einen anderen Weg gewählt und eine breit angelegte Ethikkommission eingerichtet, die aus sämtlichen ethikrelevanten Fachkulturen unserer Universität bestand, also von der Kunst angefangen über die Landwirtschaft zur Technik zur Biologie usw. und Sozial- und Geisteswissenschaften Philosophie usw.

Die Kommission war, denke ich kompetent besetzt, durch Fachvertreter aus unserer Universität und interessant angereichert durch Leute aus der Politik. Journalisten waren mit drin in der Kommission und Theologie, es war der Bischof von Kurhessen-Waldeck auch beteiligt in dieser Kommission dann. Also breit angelegt mit dem Hintergedanken, dass man Synergieeffekte nutzen kann, also nicht nur das eigene Fach vor Augen hat, sondern auch, was andere denken mit einbringen kann und auf die Art und Weise einen spannenden Dialog führen konnte, wo plötzlich der Philosoph mit dem Techniker und dem Biologen im Gespräch, im Ringen war. Also eine äußerst fruchtbare Geschichte. Es muss nicht nur so sein, dass man im Grunde Ethikkommissionen im Sinne von Schubladenkommissionen hat, und ich denke, es ist auch sinnvoll, diese breitangelegt auch zu konzipieren.   

Ein zentrales Problem, und das Problem macht vielen zu schaffen, insbesondere auch uns Christen, denke ich, ein zentrales Problem ist zunehmend spürbar. Das Vertrauen in unserer Gesellschaft, in etablierte Werte ist im abnehmen begriffen. Es gibt keinen Wertekonsens in unserer Gesellschaft, weder auf nationaler Ebene, also innerhalb unseres Landes, und schon gar nicht auf internationaler. Es gibt soviel unterschiedliche Einschätzungen, denken sie international an die Frage der Frauen, Frauenrecht.
Ich komme aus Indien, ich weiß, wovon ich rede gerade, die Rolle der Frau im Islam, ganz anders gesehen, und wir haben ja viele Muslime in unserem Land auch. Sie hatten, denke ich, gestern auch darüber etwas gehört. Es gibt da keinen Wertekonsens. Da stehen Positionen sich gegenüber. Aber wir brauchen gar nicht so weit zu gehen, in Europa ist das schon ähnlich, ich denke jetzt an die Tiertransporte beispielsweise oder der Umgang mit Tieren überhaupt. Da geht der Süden Europas sehr viel lockerer mit um als etwa der Norden. Und das können sie beliebig fortsetzen. Es gibt keinen Wertekonsens in unserer Gesellschaft, weder national und schon gar nicht international. Wir leben, und auch in unserem Land natürlich in einer säkularen und pluralistischen Gesellschaft. Das sind Atheisten, das sind Muslime, das sind Vertreter anderer Weltreligionen, es sind zum guten Glück auch Christen noch da mit einer nicht ganz unwesentlichen Meinung, also breit gefächert. Und die Politik hat dem Rechnung zu tragen. Die Politik hat diese Gruppierungen zu vertreten. Wir haben es mit unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen zu tun. Und die Politik kann hier gar nicht anders als im Grunde diesen verschiedenen Bevölkerungsgruppierungen Rechnung zu tragen mit gewissen Grenzen natürlich.  

Ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Was ist zu tun, was kann Ethik leisten?
Ich zitiere wieder Herrn von Trotha: „In den zukunftsweisenden Disziplinen müssen die Fragen nach Chancen und Grenzen seriös und interdisziplinär diskutiert werden. Sie bedürfen der vorausschauenden Kritik und einer guten Öffentlichkeitsarbeit, die insbesondere Gelegenheit für eine öffentliche Diskussion unter Beteiligung von Experten und Laien bietet.“ Und ich finde, das ist ein ganz wesentlicher Bezug, denke ich, zu uns als Christen.

In Frankreich, in den skandinavischen Ländern werden zunehmend diese Experten- und Laienkommissionen eingerichtet, wo Wissenschaftler gefälligst ein Stück Rechenschaft abzulegen haben über ihre Forschung. Wohin entwickelt sich diese Forschung und welche Risiken sind dabei enthalten, und das in einer Sprache, die ein interessierter Laie verstehen kann. Und bei diesen Experten – Laiengesprächen denke ich, ist es wichtig, dass sich Christen daran beteiligen und ihre Position einbringen. Es geht um Orientierung der Gesellschaft, um Werte und Normen. Und das sollten wir nicht die Dinge an uns vorbei sich entwickeln lassen, sondern mit uns einbeziehen lassen. Wir haben in Kassel etwa parallel zu dieser Ethikkommission zwei Ringvorlesungen zwei Semester lang, die jetzt übrigens auch weiterlaufen gewählt, um dann gerade dies ein Stück weit zu realisieren, dass die interessierte Öffentlichkeit einen Eindruck gewinnt, was läuft bezüglich der Forschung an dieser Universität Kassel.

Mit welchen Entwicklungen ist zu rechen?
Welche Risiken sind darin enthalten? Und die Vorgabe war an die Referenten, in einer Sprache, die ein Nichtfachmann verstehen kann. Ein Restrisiko wird bei jeder Art von Forschung bleiben, insbesondere in den Bereichen, die in das menschliche Leben eingreifen. Und dieses Restrisiko möglichst klein, möglichst gering zu halten ist ein ganz wesentliches Anliegen einer jeden Ethikkommission, eines jeden Ethikdiskurses.

Ich denke wir sehen, Ethik ist also kein Luxus, wobei immer noch, auch im Kollegenkreis die Meinung vorherrscht, ich führe auch Diskussionen mit Vertretern verschiedener Fachrichtungen, es ist toll, dass sie diese Ethikkommission geleitet haben, und .. im Abschlussbericht, es ist faszinierend, begrüßenswert, aber unterschwellig hat man den Eindruck, dass bei vielen noch nicht recht verinnerlicht wurde: das ist kein schöner Luxus, sondern da geh´s um existentielle Fragen, nicht nur für die Wissenschaft natürlich sondern für uns, für unsere Gesellschaft, für die Menschheit überhaupt.  

Ethik will dabei Orientierungshilfe für vernünftiges, richtiges, gutes Handeln geben, so formuliert es Mieth aus Tübingen, was sich dann in richtigen Normen und gerechten Institutionen fortsetzt, sodass durch geeignete Vorschriften und Gesetze Rechtssicherheit entsteht. Und die braucht man ja, denken sie etwa an Datenschutz oder an den Umgang mit menschlichem Leben, da braucht man Rechtssicherheit.

Man hat auch der Pluralität der Gesellschaft Rechnung zu tragen, das habe ich schon erwähnt, was sich insbesondere bei der Besetzung von Kommissionen ausdrückt, von Ethikkommissionen. Das war ein Problem, als ich diese Kommission eingerichtet habe, ich konnte ja nicht nur Christen in diese Kommission reinberufen, hätte ich am liebsten getan, aber dann hätte ich das Thema Ethikdiskurs ausschließlich auf eine christliche Ethik eingeschränkt. Wäre mir am liebsten gewesen, wie gesagt, aber, das ist dann nicht legitim, sondern da muss vom Atheisten Platz sein bis zu anderen Weltreligionen, die dort vertreten sind. Aber das möchte ich doch jetzt mit Nachdruck betonen, dabei ist es meines Erachtens ganz ganz wichtig, dass die Position der christlichen Ethik glaubwürdig und überzeugend eingebracht wird. Wir haben in solchen Ethikkommissionen keine andere Wahl. Aber wenn wir von unserem Christ sein überzeugt sind, dass wir mit dem lebendigen Gott es zu tun haben, das ist eine Kraftquelle, dann denke ich, werden unsere Argumente gehört und ernst genommen. Das habe ich auch in dieser Kommission erlebt. Und wir können Dinge verändern. Eine herzliche Bitte: lassen sie sich nie durch ein Argument etwa dieser Art, das Problem ist zu groß, wir können daran nichts ändern. Ich denke, das ist eine Haltung, die für einen Christen unwürdig ist. Wir können Dinge verändern, vielleicht im Kleinen. Wenn wir Christen diese Welt nicht verändern können, dann frage ich mich, wer dann? Also bitte nicht dieses Argument, diese Probleme sind zu riesengroß, wir können sie nicht anpacken, und lassen Entwicklungen an uns vorbeiziehen. Deswegen müssen wir nicht die Experten der Biotechnologie oder auch Informationstechnologie sein.   

Die frühere EU-Kommissarin Edith Cresson hat es so formuliert, ich zitiere wieder wörtlich:“ die ethische Auseinandersetzung kann nicht, wie dies früher gesehen wurde, nur nachträglich, d.h. wenn die Ergebnisse schon vorbei sind, stattfinden. Recht und Ethik dürfen sich nicht damit zufrieden geben. Der ständig schneller voranschreitenden Wissenschaft und Technik mit Verspätung zu folgen. Sie müssen zeitgleich, ja im Vorfeld ansetzen.“ Soweit Edith Cresson.

Ich möchte das etwas einschränken. Dies wird so nicht immer möglich sein, weil häufig schon vorher Handlungsbedarf besteht. Bei mancher Forschungsentwicklung lässt sich nicht von Anbeginn an absehen, wohin sie führt. Das ist ein gewisses Dilemma. Deswegen ist es wichtig, wissenschaftliche Entwicklung kritisch zu begleiten, nicht einen Maulkorb etwa aufzusetzen, sondern kritisch zu begleiten, kritisch nachzufragen,
was macht ihr eigentlich da. Wie werden die Dinge finanziert?
Welche Interessen stehen dahinter?
Welche Risiken sind damit verbunden?
Diese Fragen sollten wir mit einer freundlichen Penetranz stellen. Und da sind wir alle gefordert. Sie in Breitscheid genauso wie ich in Kassel. Bei mancher Forschungsentwicklung wie gesagt, lässt sich´s nicht von vornherein absehen, wohin sie führt, aber eine wachsame kritische Begleitung von Forschungsprojekten etwa durch Ethikkommissionen oder durch Experten- Laienkommissionen wie auch immer, scheint mir schon mehr als nötig. Und zum Abschluss dieses Abschnittes noch:

Die Frage stellt sich natürlich zwingend: Dürfen wir angesichts beeindruckender Entwicklungen der Wissenschaften alles machen, was wir machen können. Woran sollen wir uns denn orientieren dabei, woran uns festhalten? Und damit möchte ich mich dem 3. und letzten Punkt zuwenden:   
Wer ist der Mensch?

Werte und Lebensziele aus christlicher Sicht. Welche haben wir?

Wenn wir die Frage nach Normen und Werten stellen, um mehr Klarheit darüber zu gewinnen, was soll und was darf der Mensch, ist dabei zu beachten, dass eine Antwort immer davon abhängt, von welchem Menschenbild wir ausgehen. Und nun stellt sich die Frage:
Wer ist der Mensch?
Das ist die eigentliche Schlüsselfrage, die alle diese Bereiche, die ich versucht habe anzusprechen, durchdringt. Wer ist der Mensch? Wir finden heute folgende Alternativen vor, zwei grundsätzlich verschiedene Standpunkte.

Der Erste:
Versteht man den Menschen als bloßes Produkt des Zufalls,
nur als Resultat von Mutationen, der verschiedene Entwicklungsstadien der Evolution durchläuft, der sich selbst autonom wähnt, der als vermeintlich letztgültige Instanz selbst die Maßstäbe festsetzt, und auf dieser Grundlage seine Entscheidungen trifft. Diesen Standpunkt finden wir bei vielen Menschen heute. Und ich würde fast wagen zu behaupten, bei einer deutlichen Mehrheit.

Die andere Position: Begreift der Mensch sich als Geschöpf eines Schöpfers, als Geschöpf Gottes? Ich denke, das ist eine grundlegende Alternative und auch eine folgenschwere (für mich als Wissenschaftler, ich freue mich sehr, auch bei mathematischen Forschungen, wenn mal wieder eine Publikation realisiert werden kann, wie wunderbar Gott unser menschliches Gehirn strukturiert hat, dass wir in Gedankenketten fantastische Zusammenhänge erkennen dürfen, und die Bewegung von Planeten beschreiben können, mathematisch sauber, exakt, dann ist für mich wichtig, dass wir das in der Rolle des Geschöpfes tun. Wir schicken doch nicht die Planeten auf ihre Bahnen. Wir dürfen zugucken, wir werden mit einbezogen, von Gott mit hineingenommen. Das ist eine tolle Würdigung, uns in seinen Schöpfungsprozess mit hineinzunehmen und zu schauen, wie wunderbar ist seine Schöpfung. Und ich denke, wenn man nicht ganz verbohrt ist oder ein Stück, wie soll ich sagen, schon verbogene als Mensch, wird man an der Stelle doch deutlich zu erkennen geben müssen: Meine Rolle ist die des Zuschauers, der dann natürlich die Gesetze der Natur verwenden kann, Konsequenzen daraus abzuleiten, Technik zu bilden usw.
Aber ich denke das ist schon ein ganz wesentlicher Punkt, dass wir uns über diese Rolle Klarheit verschaffen. Begreift sich der Mensch als Geschöpf, als Geschöpf Gottes, der als Schöpfer und Erhalter letztgültige Instanz ist und nicht der sogenannte „autonome Mensch“, der sich da dazu auserkoren fühlt und sich dazu wähnt. Letztgültige Instanz für den Menschen: Gott der Schöpfer, der die Normen vorgibt und wie Leisenberg formuliert, der die nötige Autorität besitzt, diese Normen einzufordern und der die Menschen motivieren kann, ihr Leben aus dieser Perspektive zu betrachten und ihre Lebensführung darauf auszurichten.  

Sie merken, das ist ein ganz fundamentaler Unterschied, aber das ist genau das zentrale Problem, das sich stellt. Wenn wir uns dem zweiten Punkt annähern, dann ist allerdings zu klären:
Wer ist dieser Gott, wo und wie ist er erfahrbar?
Wo und wie ist er erfahrbar? Ist in der Beziehung zu ihm die Sinnfrage für mein Leben geklärt? Aus meiner Sicht gehört schon ein gewaltiges Maß an Selbstüberschätzung und Arroganz des Menschen hier, um anzunehmen, er selbst sei letzte Instanz. Nach Dostojewski, dem großen russischen Dichter, hätte dies zur Folge, wörtlich Dostojewski zitiert: Wenn es Gott nicht gibt, dann ist alles erlaubt. Wenn es Gott nicht gibt, dann ist alles erlaubt, und genau so verhalten sich viele Wissenschaftler und manche Politiker ebenfalls.

Welchen Beitrag leisten die Wissenschaftler zur Frage, wer ist der Mensch. Die Frage habe ich bisher noch nicht aufgegriffen. Ich meine, einen sehr unbefriedigenden. Der Mensch wird hier gewissermaßen nach einem Schubladendenken zerlegt, nach bestimmten Aspekten, aus der Sicht der Medizin, der Soziologie, der Chemie, der Biologie, der Kybernetik usw. Und in diesen Bereichen gelangt man zu sehr spannenden und interessanten Erkenntnissen, ich will das gar nicht absprechen. Diese Sichtweisen sind durchaus mehr oder weniger interessant.   

Dennoch gewinnt man bei näherem Hinsehen den Eindruck, das kann doch nicht alles sein. Hier fehlt vom Verständnis des Menschen etwas ganz Wesentliches. Ich vermute, dass wir auch in Zukunft von seiten der Wissenschaft keine wirklich befriedigende Antwort auf die Frage: Wer ist der Mensch erwarten können. Ich habe mir das so klar gemacht und davon bin ich zutiefst überzeugt, dass sich der Mensch aus sich selbst heraus letztlich nicht verstehen kann. Der Mensch wird aus sich selbst heraus sich letztlich nicht verstehen können. Kann ich aus dem Mensch sein aussteigen und gucken, was machen die Menschen eigentlich, wenn sie da so leben. Übrigens hat man dieselbe Problematik, wenn man in der Physik nach Weltbildern fragt. Da hat man auch gelernt, man kann nicht aussteigen aus der Welt und gucken, was machen die da drin in der Welt? Deshalb sprechen die Physiker heute von einem Weltaspekt und nicht mehr von einem Weltbild. Die ganze Welt wird nicht zum Bilde, unter bestimmten Aspekten betrachtet man die Welt, und das machen die Naturwissenschaften, die einen gucken mit einer grünen Brille, die anderen mit einer roten, um es in einem Bild zu sagen. Das sind nur einzelne Aspekte. Aber um den Menschen wirklich verstehen zu können, ich glaube, dazu sind wir selbst gar nicht in der Lage, wir merken es doch, wenn wir die Frage uns ganz persönlich stellen: Wer sind wir denn, wer bin ich denn eigentlich, dass die schlüssige und befriedigende Antwort nicht so leicht zu finden ist, ich habe sie nicht gefunden und vermutlich tun sie sich auch schwer damit.

Ja, welche Antwort bietet das Christentum?
Das ist für mich jetzt eigentlich der zentrale Punkt. Ich möchte eine Antwort versuchen, indem ich den Anspruch des Christentums dazu einfach darstelle, ihm also keine Lückenbüßerfunktion zumute. Die Klärung, ob diese Antwort dann überzeugend und tragfähig ist, insbesondere bei Nichtchristen, muss jedem Einzelnen in souveräner Entscheidungsfreiheit überlassen bleiben, wobei wir als Christen wohl Hilfestellung leisten können.

Zunächst eine mehr äußerlich und dennoch wichtige Feststellung. Anders als die übrigen Weltreligionen geht das Christentum von einer Trennung von Staat und Kirche, von einer Teilung der Gewalten aus. Das Christentum ist seinem Wesen nach eine Religion der Liebe, die die Freiheit des Menschen als wesentlichen Bestandteil der ihm zugedachten Würde ansieht. Eine Freiheit, die bis zur Ablehnung des Angebotes Gottes reicht, durch den Menschen. Vielleicht ist dies, diese Sicht von Freiheit, sogar eine entscheidende Voraussetzung für einen freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat überhaupt.  

Lassen sie mich auch ihnen in Erinnerung bringen, das wissen sie sicher ja alles längst, aber ich denke es ist wichtig, wenn wir nach der Antwort des Christentums suchen:
Was sind entscheidende Wesenszüge des Christentums?
Für Christen ist Gott der Schöpfer des gesamten Universums, uns selbst eingeschlossen. Es gibt uns. Wir leben, weil Gott es will, unser Schöpfer es will. Er ist die letztgültige Instanz für sein Geschöpf Mensch. Mehr noch: Gott ist der, der sein Geschöpf liebt, und das trotz Widerstand gegen ihn, trotz Ungehorsam, das auch immer wieder beweist, auch immer wieder neu beweist, wodurch? Einmal dadurch, dass er dem Menschen, dass er uns Menschen in eine hohe Verantwortung stellt, uns eine Vermittlerrolle zwischen sich selbst und seiner Schöpfung zugedacht hat und zuweist: Herrschaft der Schöpfung, Verwaltung der Schöpfung.

Zum Andern durch die Gebote, die er uns gibt, im Alten Bund gegeben hat, gewissermaßen als Leitplanken für unser Leben. Insbesondere die Gebote 5 bis 10 in der Bibel regeln den gesellschaftlichen Umgang der Menschen miteinander. Der Rechtsphilosoph Jan Schap meint dazu: durch diese Gebote werden alle Lebensgüter geschützt, die im Zentrum aller großen Gesetzeswerke stehen, im Zentrum aller großen Gesetzeswerke: die Elternschaft, das Leben, die Familie, das Eigentum und das soziale Ansehen des Andern. Diese Gebote haben eine Schutzfunktion für den Menschen und wollen ihn nicht knechten. Auch hier zeigt sich das Interesse Gottes an seinen Menschen. Er will ihn nicht ins Verderben, in den Abgrund sausen lassen, sondern richtet Leitplanken auf, die sein Leben schützen und bewahren. Allerdings ist uns Christen sehr wohl bewusst, dass wir diese Gebote in letzter Konsequenz nicht erfüllen können. Deswegen hat ja Gott einen anderen Weg eröffnet über Jesus Christus.

Ein inhaltlich ganz zentraler Unterschied zu den übrigen Weltreligionen besteht darin, dass wir nicht uns bemühen müssen, um zu Gott zu finden, ein Versuch, der scheitern muss. Ich bin noch voll von der Erinnerungen meines Aufenthalt in Indien. Wenn sie buddhistische Tempel angucken, dann sehen sie überall die Himmelsleiter so gut wie an jedem buddhistischem Tempel. Das ist ein Symbol dafür, dass der Mensch sich bemühen soll, auf dieser Leiter nach oben, zu Gott zu gelangen, sich bemühen und anstrengen, Meditationen und was auch immer. Wir bemühen uns, den Weg von uns zu Gott zu finden. Und in anderen Weltreligionen ist das ähnlich, im Islam natürlich ganz besonders auch.

Sie wissen, dass wir einen anderen Zugang haben, einen sehr schönen wie ich finde. Nicht wir müssen uns bemühen, dass Gott zu uns kommt, sondern er kommt zu uns. Und die schönste und tiefste Weise, wie er das machen kann und sich seine Liebe auch zu uns spiegelt, drückt sich darin aus, dass er in seinem Sohn Jesus Christus gewissermaßen sein Herzstück zu uns kommt, um uns den Zugang zu ihm ermöglichen und zu verstehen, wer er ist.  

Man kann sich die Frage stellen:
Wie kann eine Kommunikation gelingen?
Auf welcher Ebene ist sie am besten möglich? Wir haben über die Schöpfung Spuren Gottes, ein Stück von seinem Wesen aus der Schöpfung heraus, wie auch im Römerbrief deutlich gesagt wird und deutlich wird. Aber die schönste Weise, um ihn verstehen zu können, wirklich ganz nahe an seinem Herzen zu sein, ist, dass er als Mensch zu uns Menschen kommt. Und genau diesen Weg hat er gewählt, auf recht ungewöhnliche Weise. Ich denke viel über diese Punkte nach, deshalb will ich sie auch hier kurz erwähnen, die eine ungewöhnliche Weise, wie Gott zu uns kommt.

Er kommt als Kind in der Krippe zu uns. Wir sind jetzt kurz vor Weihnachten, als Kind in der Krippe. Und da heißt es: kein Platz in der Herberge. Machen wir uns das mal deutlich, die letztgültige Instanz, wenn wir das ernst nehmen überhaupt, als Kind hilflos, angewiesen auf andere, in einer Krippe, kein Platz in der Herberge. Mir sträuben sich da immer die Haare, wenn ich darüber nachdenke und mir das bewusst mache, was das eigentlich bedeutet. Ich habe in Indien vor 14 Tagen einen ganz tollen Maharadschapalast besichtigt, und da stellt sich schon die Frage: Letzt gültige Instanz, Schöpfer des Universums, ja warum nicht einen tollen Palast, ja, dann hätte er die oberen Zehntausend erreicht. Was wäre mit denen gewesen, die ich dann gesehen habe in den Slums?

Ich denke, durch diesen Weg, kein Platz in der Herberge über die Krippe drückt sich Solidarität Gottes mit allen Schichten der Gesellschaft, insbesondere der ganz unten angesiedelten aus. Ja, wie ging das weiter. Er legt, Jesus Christus, er legt seinen Lebensweg mitten durch Anfeindungen und Ablehnung, ausgegrenzt von der geistlichen und der politischen Führungsschicht, als Mensch unter Menschen, zurück. Ein Weg, der zumeist ein Leidensweg war, glaubwürdig durch und durch. Prüfen sie immer wieder an Hand des Neuen Testaments, wie die Aussagen und Verhaltensweisen Jesu im Einklang sind zu dem, was er sagt. Ja ein Weg, ein Leidensweg, der dann bis zum Kreuz führt. Das Kreuz Christi verbindet, wie wir ja wissen, den liebenden mit dem gerechten, dem heiligen Gott.   

Auch hier wieder, rein menschlich gesehen, ein Scheitern: Verurteilt, Gefoltert, ans Kreuz geschlagen, als Verbrecher auf äußerst brutale Weise. Menschlich gesehen ein Scheitern. Allerdings ist uns Christen bewusst, dass wir diesen Weg brauchen, und zwar deswegen, weil Jesus Christus unsere Schuld auf sich nimmt. Gerade dadurch, dass er stellvertretend für uns zum Kreuz gegangen ist, Vergebung so ermöglicht für uns und einen Zugang eröffnet zu Gott, unserem Vater. Haben wir uns eigentlich schon mal das klargemacht, wirklich bewusst gemacht, was uns da zugemutet wird? Wenn jemand, der vom Christentum noch nie etwas gehört hätte, mit diesen Punkten in Berührung käme: Letzt gültige Instanz kommt als Kind in der Krippe, legt den Leidensweg zurück, endet am Kreuz. Dann muss man sagen: das ist schon etwas, was uns keine Weltreligion, keine Ideologie zumutet. Es muss schon eine ungeheure Kraft und Glaubwürdigkeit hinter diesem Weg Gottes stehen, wenn er sich durchzusetzen in der Lage ist, wahr ist.

Doch das Kreuz ist, wie wir wissen, nicht der Schlusspunkt. Es schließt sich die Auferstehung Jesu Christi an. Ich meine, die Instanz, die das gesamte Universum geschaffen hat, ist dazu in der Lage, den Tod zu überwinden. Der Schöpfer des Lebens muss auch, davon, denke ich, bin ich und sind sie zutiefst überzeugt, in der Lage sein, den Tod zu überwinden. Die Auferstehung eröffnet, und das ist für uns Christen ganz zentral, grundlegend, eröffnet auch für uns eine Perspektive über den Tod hinaus. Insgesamt bietet Gott uns damit einen Weg an, und nicht zwanghaft, den wir gehen müssen, sondern liebevoll werbend, mit der Freiheit, ihn auszuschlagen, Antwort auf die zentralen Lebensfragen zu geben. Ich hab´s in drei Punkten kurz zusammengefasst. Das sind drei zentrale Lebensfragen:   

Wer bin ich?
Das ist die Frage nach der Identität, wer bin ich? Antwort: Ein geliebtes, von Gott gewolltes Geschöpf. Wer bin ich? Ein von Gott gewolltes Geschöpf.
Was ist der Sinn meines Lebens?
Eine lebendige Beziehung zum Schöpfer in der gottgewollten Zuordnung: Geschöpf zu seinem Schöpfer und zu seinen Mitgeschöpfen. Was ist der Sinn meines Lebens? Eine lebendige Beziehung zum Schöpfer in der gottgewollten Zuordnung des Geschöpfes zu seinem Schöpfer und zu seinen Mitgeschöpfen.
Welche Zukunft haben wir?
Ist doch wichtig, die Frage wird doch gestellt in unserer Gesellschaft. Welche Perspektive hat unser Leben? Wohin gehe ich, was wird aus mir? Durch die Überwindung des Todes durch Jesus Christus wird auch uns, wird auch mir Ewigkeit bei Gott erschlossen. Wir haben eine Ewigkeitsperspektive. Und ich denke, das ist wichtig, um halbwegs gelassen durch die Hektik unserer Zeit gehen zu können. Wir haben eine Ewigkeitsperspektive.

Wenn sie sich in unserer Gesellschaft umsehen, fällt ihnen auf, man geht von einer Lebenserwartung von 80 bis 85 Jahren aus. Und in diese 80 bis 85 Jahre muss man alles reinpacken, was möglich ist. Das führt zu einem Stress. Alles, was realisiert werden kann, jede Art von Vergnügen und Lust und Realisierung von Lebensbedürfnissen packt man so rein und, natürlich, es gibt immer mehr Angebote, und wenn man nur 80 Jahre und sogar, wenn es achtzig Jahre sind, kriegt man nicht alles unter. Das muss natürlich zu einem Stress führen und zur Hektik. Von Peter Hahne gibt es ein interessantes Buch, das sie vielleicht auch mal lesen sollten: „Schluss mit lustig“.
Er greift im Grunde diesen Punkt auch auf. Ich denke an dieser Stelle können wir gelassener sein. Wir müssen nicht in 80 Jahre alles reinpacken, sondern wir haben Zeit, sehr sehr viel Zeit, die ganze Ewigkeit Zeit, eine tolle Verheißung.  

Sie merken, in diesen 3 Punkten, die ich versucht habe, mit eigenen Worten so zu beantworten, sind die zentralen Lebensfragen für uns Menschen befriedigend beantwortet. Und das ist das, was wir, was sie als Christen in der Auseinandersetzung mit der Frage nach Werten, nach Normen, nach Orientierung der Gesellschaft und auch der Wissenschaft einbringen können. Bitte machen sie es sich deutlich, sie haben etwas Starkes, etwas Zentrales und Wichtiges anzubieten, was sich durchsetzt in diesem Dialog. Das ist so überzeugend, dass im Grunde diese Inhalte für sich selber sprechen. Und wir sind deswegen überzeugend, weil wir einen lebendigen Gott haben, der uns dabei unterstützt. Ich meine das sind, wie gesagt, befriedigende und existenztragende Antworten auf unsere Lebensfragen, anders als weithin durch andere Ideologien und Weltanschauungen vertreten.

Abschließend und in ganz wenigen Sätzen noch möchte ich kurz auf die Folgen, auf die Konsequenzen, die sich aus dieser Grundhaltung für die drängenden Fragen unserer Zeit ergeben, eingehen. Eines gleich vorweg: Auch wir Christen haben nicht auf jede Frage die passende Antwort. Angesichts der Vielschichtigkeit, der Komplexität vieler Probleme verbieten sich schnelle, vorschnelle, billige, vereinfachende Lösungsangebote, die in aller Regel noch dazu falsch sind. Doch haben die Begriffe Menschenwürde und Solidarität eine klare Grundlage. Ich hatte gesagt, der Begriff Menschenwürde ist derzeit sehr sehr heiß und kontrovers diskutiert. Menschenwürde, die haben wir, nicht weil uns jemand diese Würde zusagt oder wir uns selber darin bestätigen müssen. Menschenwürde haben wir, weil die letztgültige Instanz, Gott selber, uns diese Würde beilegt. Gott, der uns nach seinem Bild erschaffen hat und mit einer ungemeinen Würde ausgestattet hat.  

Solidarität? Was Solidarität insbesondere mit den Schwächsten der Gesellschaft bedeutet, können wir bei Jesus Christus lernen. Und tun, was uns möglich ist, können und dürfen wir noch lange nicht, weil wir Gott, dem Schöpfer, gegenüber Verantwortung tragen. Dies hat natürlich Folgen bezüglich der Embryonen- und Stammzellenforschung. Dies kann nicht ohne Einfluss sein im Hinblick auf Klonen, auf Präimplantationsdiagnostik, auf Umgang mit behindertem Leben oder dem Schutz der Intimsphäre im Zeitalter des Internet. Allerdings, und das zitiere ich Herrn Hohmann: „Allerdings müssen diese Werte immer neu, vielleicht sogar unter Streit und Irrtümer auf die neuen, von uns selbst geschaffenen Bedingungen zugeschnitten werden. Niemand kann uns das Ringen darum abnehmen, was Solidarität und Menschenwürde unter Bedingungen begrenzter, natürlicher Ressourcen, medizinischer und gentechnischer Möglichkeiten und drohender Überbevölkerung, oder in unserem Land, Überalterung der Gesellschaft angesichts sich häufender Naturkatastrophen usw. usw. sinnvoll bedeuten können.

Hier ist ein Ringen nötig, um dann zu klaren Entscheidungen und Schritten zu kommen. Dieses Ringen findet für uns Christen nicht im luftleeren Raum statt, sondern in enger Verbindung. Dieses Ringen findet für uns Christen in enger Verbindung mit Gott selber statt. Was ich in sensiblen Hinhören auf sein Wort, auf Gebet, auf Gemeinschaft mit anderen Christen äußert. Dies schließt einen Dialog mit anderen gesellschaftlichen Gruppierungen nicht aus, auch nicht, wo nötig unsere Kritik und unseren Protest bei vielen Entwicklungen, besonders dann, wenn diese Entwicklungen ausdrücklich gegen Gottes Weisungen verstoßen und ihm widersprechen. Da sind wir als Christen gefordert, unsere Position darzulegen und zwar durch gute Argumente und nicht durch Fanatismus. Ich meine hier besteht bei uns Christen ein ganz zentraler Nachholbedarf. Ich fürchte, wir hinken manchen Entwicklungen gefährlich hinterher.

Was sollten wir tun?
Uns gut informieren. Gucken sie mit wachen Augen sensibel auf bestimmte Entwicklungen in der Gesellschaft und auch in den Wissenschaften. Nötigen sie, wo immer sie können, Wissenschaftler, Rechenschaft abzulegen über das, was sie tun, um dann angemessen reagieren zu können auch.

Lassen sie mich schließen mit einem Wort des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog, ich zitiere wörtlich: “Wir können uns gerade die … Wissenschaften nur leisten, wenn wir uns auch darüber verständigen, welches Leben wir eigentlich wollen, welche Gesellschaft, welchen Staat. Dann wissen wir auch, was wir wirklich brauchen und was wir nicht dürfen. Ich meine, hierzu können wir Christen einen überzeugenden, vielleicht sogar den entscheidenden Beitrag leisten.

Ich danke, dass sie so geduldig meinen langen Ausführungen zugehört haben. Danke fürs Zuhören.  
Breitscheid, d. 14.11.04

Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Herbert Haf, Gudensberg,

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