Fritz Philippi in Alt-Breitscheid
Fritz Philippi (1897 - 1904), eines Schlossermeisters
Sohn aus Wiesbaden (geb. 5.Jan. 1869), kam von ... hierher, wo
er Hilfsprediger gewesen war;
Breitscheid wurde also seine erste
Pfarrstelle. Er erlebte hier, wie viele junge Pfr. vor ihm u.
nach ihm, das, was noch Schulrat Pollack (in seinen Lebenserinnerungen)
die Höhepunkte des menschl. Lebens bildet:
das erste Amt, die
Verheiratung und das erste Kind. Und solches Erleben macht die
anfängliche Fremde dann zur Heimat. Ja, Philippi fühlte sich gleich
heimisch und warm bei uns. Als offener, ehrlicher Mensch, der
er war, erschloss er gleich sein Inneres, brachte seiner Gemeinde
Vertrauen entgegen und erntete darum auch wieder Zutrauen u. Gegenliebe.
Ein neuer Pfr. ist ein ungeschriebenes Blatt, man nimmt das Beste
von ihm an und zeigt sich auch wieder von seiner besten Seite.
- Über seinen Empfang hier schreibt Philippi in seinem "Matthias
Hirsekorn" 1924:
"Hier war unsre Ankunft ein großes Ereignis,
um dessentwillen in der strengsten Arbeitszeit des Jahres, der
Heuernte,
mitten in der Woche gefeiert wurde. - Ich erwog damals noch nicht,
dass von der allgemeinen Begeisterung mancherlei in Abzug gebracht
werden musste, das nicht den neuen Pfarrersleuten galt. Der Neuigkeitshunger
des welteinsamen Dorfbewohners, seine unverbrauchte Genussfähigkeit
wirkten als selbstsüchtige Triebkräfte mit. Uns aber riss das
Volksfest an sich. Alle alten Schießeisen knallten, als unser
Wagen ankam. Unter schwebenden Tannenkränzen stockte unser Gefährt
im versammelten Volk und hielt vor dem breiten Steinkasten des
Pfarrhauses. - Willkommen! Ein blaues Band schlang sich über den
Weg. Von allen verfügbaren Augen beguckt, traten wir vor. Ein
Bursche, hochrot vor Feierlichkeit, sagte ein Gedicht her. Der
Lehrer hielt unseren Hausschlüssel in der hocherhobenen Hand u.
leitete damit den vollen Chor der Schulkinder. So empfing uns
das ganze Dorf und jedes Glied einzeln wie sehnlichst Erwartete,
und reichte uns etwas dar. Was war das? Matthias Hirsekorn! Was
machte dir warm unter der Weste und machte dich froh und beschämt
zugleich? - Die Heimat! Niemand sagte es mit Worten, als sei es
selbstverständlich. Von Stund an sollte ein Bund geschlossen sein;
etwas Wunderbares solte sich vollzogen haben. Ehe ich wusste,
wie mir geschah, vergaß ich alle guten Vorsätze geistlicher Diplomatie.
Ich stand auf der hohen Pfarrtreppe u. antwortete auf die wohlgesetzte
würdige Rede des Schulmannes nicht mit meiner einstudierten Ansprache,
sondern sagte, was mich überfallen hatte wie Weihnachten: " So
sind wir nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger mit euch
zusammen und Gottes Hausgenossen!"-
"An meiner Gemeinde erlebte ich vorläufig
lauter Wohlgefallen und schrieb das zutunliche Wesen meiner Wildendorner
unserer Umgänglichkeit - in erster Linie meinem Frauchen - zu.
Ich ahnte nicht, dass meine Leute auch der Ehrgeiz trieb, vor
den Nachbardörfern und ihrem Neid den Tatbeweis zu bringen, dass
mit Wildendorn doch gut auszukommen sei. Wie Schüler, die ein
reines Schreibheft anfangen, hüteten sie sich vor dem ersten Tintenklex."-
Die Erkenntnis, dass es für ihn, den Pfarrer, auch notwendig war,
keine Klage zu machen, wenn das zusammen mit seinen Gemeindegliedern
ein ungetrübtes bleiben sollte, hatte Philippi auch von Anfang
an, nachdem ihn sein Dekan bei seinem Antrittsbesuche dort auf
die eigenartigen Verhältnisse in seiner neuen Gemeinde aufmerksam
gemacht hatte. Und auf seinem ersten Gange hierher, "ins Hochland
über Hub und Stieg, nahm er sich vor, "jedes Wort genau zu überlegen
und wie auf Eiern zu gehen!, wie er später im "Matthias Hirsekorn"
schrieb. Aber wie schwer.
aus Seite 207 Ortschronik
Ein Brief der Witwe Philippi´s an den Chronisten Reinhard Kuhlmann
und ein Brief von Fritz Philippi an Theodor Zöllner, Rabenscheid > lesen
Fritz Philippi wurde am 05.Januar 1864
in Wiesbaden geboren. Er besuchte das Gymnasium in Wiesbaden und
studierte Theologie in Berlin, Tübingen und Marburg. Nachdem er
ein Kandidatenjahr in Herborn durchführte, wurde er Pfarrvikar
in Hachenburg.
Seinen Militärdienst leistete er in Wiesbaden.
Obwohl er sich entschied Hilfsprediger in Wiesbaden zu werden,
wurde sein Wunsch vom Bischof mit der Begründung, er solle erst
mal Erfahrungen sammeln, abgelehnt. Nach dieser Entscheidung des
Bischofs wurde Fritz Philippi auf den Westerwald geschickt. Genauergesagt
landete er in Breitscheid. Hier begann er seine Karriere als Dichter
und Schriftsteller. Er schrieb Bücher über das Leben einfacher
Bürger und über den ersten Weltkrieg. Manche Bürger waren am Anfang
nicht so erfreut über die veröffentlichten Arbeiten. Sie sagten:
"E hot iwwer de Leut geschriwwe und des dout mer net." (Breitscheider
Dialekt ins Hochdeutsch übersetzt: Er hat immer über die Leute
geschrieben und das macht man nicht.)
Doch später fanden die Menschen der Region
Interesse an den Büchern, so dass die Bücher weit über die Grenzen
des Nassauischen Landes hinaus bekannt wurden. Bis zu seinem letzten
Tag war Fritz Philippi sehr erfolgreich. Am 20. Februar 1933 verstarb
er eines natürlichen Todes, als er auf der Heimreise aus Freiburg
war. Hier in Breitscheid versah er seinen Dienst von 1897 bis
1904. Zu Ehren des "Westerwalddichters" wurde 1969 aus Anlass
der 100. Wiederkehr eine Straße in Breitscheid nach ihm benannt
und noch einmal fast 30 Jahre später erhielt die Mittelpunktschule
am 2.September 1998 seinen Namen.
aus HP der Schule: Fritz-Philippi.
Unbedingt wiederzuentdecken ist der große
Erzähler Fritz Philippi (1879-1933). Wie kein zweiter hat er den
Westerwald erfaßt und ins dichterische Wort gebunden. Doch seine
Bücher sind vergessen, vergriffen, stehen ungelesen in Archiven.
Philippi war Pfarrer auf dem Hohen Westerwald, später Gefängnisgeistlicher
in Diez und Dekan in Wiesbaden. In seinen verdammt schicksalhaften
Geschichten gelingen ihm Stimmungsbilder von einer Intensität,
wie sie der Westerwald in natura selber kaum (mehr) liefern kann.
Doch Philippi hat alles Sentimentale unter Kontrolle: Ihn leitet
ein selbstironischer Sinn fürs Komische und vor allem die Grundhaltung
eines liebevollen Verstehens seiner Westerwälder und besonders
derer, die damals zur Kaiserzeit heimgesucht werden von allzu
viel Tod und Ackerei und Dummheit.
aus: http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/provinz/feldhoff.pdf
.
zur Fortsetzungsgeschichte "Vom Pfarrer Mathias Hirsekorn und seinen Leuten" > hier
>
|