Brief von Reinhold Wegener an Willy Hisge
- Breitscheid, den 25.März 1917
- Mein lieber Freund Willy!
- Ich will mich nicht drücken
- Und Dir auch mal eine Epistel schicken.
- Hab lang nichts gehört von Dir altem Strategen
- Und war schon in ernster Sorge deswegen.
-
- Oft glaubt´ ich, Dich hätte ein Russi massakriert,
- Vielleicht auch ein Franzmann ins Prison geführt.
- Leicht konnte Dich auch ein Italier erwischen,
- Gut pfeffern und in die Salamiwurst mischen.
-
- Doch sehe ich, mein Fürchten war ohne Grund,
- Du lebst und bist kreuzfidel und gesund.
- Das nämliche kann ich von mir berichten.
- Nur macht der Kalendermann dumme Geschichten,
-
- Er hat zwar den Frühling rot angeschrieben,
- Doch leider ist er noch ausgeblieben,
- Ringsum ist noch Winter, soweit ich seh´,
- Und auch die "Hupp" liegt noch voller Schnee.
-
- Ich hab´ also immer noch Herrentage,
- Doch wenig beneidenswert ist meine Lage,
- Denn leider gibts jetzt viele fleischlose Wochen
- Drum besser, wenn wieder die Bauern mir kochen.
-
- Und diese köstliche üppige Zeit,
- Ist wie ich hoffe gottlob nicht mehr weit!
- Nicht lange mehr dauerts, dann geht es hinaus,
- Und aus der Kalamität bin ich heraus,
-
- Dann kann ich über die anderen lachen
- Und über alles mögliche Verse machen.
- Die Fett- Fleisch- Brot und andere Arten,
- Bezugsscheine und Lebensmittelkarten,
-
- Hab ich im vorigen Sommer besungen,
- Auch ist mir ein Vers über Breitscheid gelungen.
- Kurzum, ich bin, wie die Sache jetzt steht,
- Hoch angesehn´ als Lokalpoet!
-
- Es geht doch oft sonderlich zu auf Erden,
- Vorm Jahr wollte niemand hier Kuhhirt werden.
- Und als ich mich endlich dazu erbot,
- Dankten die Bauern dem lieben Gott!
-
- Noch mehr aber, wie die Breitscheider Bauern,
- Ist heut der arme Russi zu bedauern,
- Er jagte zum Teufel das Nikoläuschen
- Und Russland geriet völlig aus dem Häuschen.
-
- Es klingt auch wirklich wie bitterer Hohn,
- Kein Mensch will dort auf den Kaiserthron.
- Es ist weit leichter, ein Kuhhirt zu finden,
- Als jemand dem russischen Thron aufzubinden.
-
- Und wenn mich die Bauern als Kuhhirt nicht mögen,
- Troll ich mich ohne lang Überlegen,
- Ins große heilige Russenland,
- Und melde mich dort als Kronprätendant.
-
- Sonst wüsste ich keinerlei Neuigkeiten,
- Was soll auch passieren in heutigen Zeiten,
- Man spricht ja jetzt nur noch vom Kriegsgetümmel,
- Von schrecklichem Mangel an Dauborner Kümmel,
-
- Von der erstaunlichen Dünne des Biers,
- (Trotzdems schlecht und teuer ist, trinken wirs!)
- Man klagt über vielerlei neue Arten
- Bezugsscheine und Lebensmittelkarten,
-
- Mit denen man uns tagtäglich beglückt,
- Und wird von dem ewigen Lamento verrrückt.
- Man schimpft auf die Sonderratsbeschlüsse,
- Zur Regelung der leiblichen Genüsse,
-
- Und zeichnet trotzdem in echt deutscher Treue,
- Gar fleisig die sechste Kriegsanleihe.
- So hat man hierzuland alle Tage,
- Große Beschwerden und allerlei Plage,
-
- Auch sonst ist das Elens überall groß,
- Kurzum, es ist bei uns nicht mehr viel los!
- Noch mehr von dem hierigen Verhältnis zu schreiben,
- Lass ich wohlweislich unterbleiben,
-
- Ich bin ja nun grade kein Jammermeier,
- Doch sind miserabele Zeiten heuer
- Und lass ich mich näher darüber aus,
- wird sicher der übliche Jammerbrief draus.
-
- Ich mach also mit dem üblichen Gruß,
- Vorläufig bis auf weiteres Schluss,
- Auch wird, dehn ich dieses Schreiben noch aus,
- Ein kalligraphischer Monumentalbau daraus,
-
- Ich pumpe mich belletristisch ganz leer
- Und weiß dann im nächsten Briefe nichts mehr,
- Drum sei gegrüßt, Du alter Sünder,
Vom
- Breitscheider Kuhhirt und Besenbinder!
Original im Besitz von Horst Stunz (Donsbach)
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